DR DR4 - Malle ist nur einmal im Jahr!


Vorwort
Malle ist nur einmal im Jahr! Und deswegen geh' ich da, sofern möglich, einmal im Jahr hin und da ich Bettenbunker nicht mag, mieten wir uns eine Finka. Findet meine Tochter auch klasse, weil eigener Pool. Und mieten tun wir auch immer ein Auto, die Insel ist gerade für ambitionierte Autofahrer vor allem im Norden sehr unterhaltsam. Hat man denn nicht ein unfassbares Pech am Mietwagenschalter und kriegt das, was da halt im Mietwagenparkhaus noch so rumgammelt. 

Was denn?
Ein DR. DR4 um genau zu sein. Wosn des? Wo kommt das her? Ah, Italien. Aber warum kriegt man sowas hier in unseren Breitengraden nicht zu Gesicht? Ich kann so viel verraten, aus Gründen. Gründe, auf die ich jetzt mal eingehe. Wobei, reintreten wäre eher das richtige Wort, weil das, was der italienische Hersteller da nach Mallorca exportiert hat, das bedarf einiger Worte, für welche ich hier eigentlich den Adult-Content Schieber hart durchklicken müsste. Aber der Reihe nach. 

Geile Palme!

Laufleistung
2'050 Kilometer hatte das Crossover-SUV auf dem Buckel. Also quasi neu. Dass das Zentraldisplay datumstechnisch im Jahre 2000 war, sollte aber noch für Rückschlüsse sorgen. 

Wie weit?
Ca. 900 Kilometer weit haben wir den frontgetriebenen Italiener kreuz und quer über die Insel gescheucht. Wobei, es war eher eine Qual, für alle Beteiligten. 

Erster Eindruck
Hm? Eigentlich hatten wir Golfklasse gebucht. Ein versehentliches Upgrade auf ein Mid-Size-SUV? Und optisch steht das ja nicht mal so übel da, Alus, ein paar nette Designapplikationen und einigermassen gelungene Proportionen. Die Designsprache ist eine Mischung aus Renault und Ford der 2010er Jahre. Und das ist grundsätzlich gar nicht mal so schlimm, wenn man den Staub davon wegwischt. Dennoch, ich rieche da irgendwas. Es riecht nach Downgrade. Und ich komme einfach nicht klar mit der Marke, von welcher ich noch nie etwas gehört oder gesehen habe. Und Handschalter? Wer baut heute noch sowas in ein Auto ein? Also nicht, dass ich das nicht geil finde, die Fahrstufen selber einzusortieren, aber es hinterlässt mich immer skeptischer. 

Renault schickt warme Grüsse von hinten.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, sonst nix. Würde ich in einer Lotus Elise sehr zu schätzen wissen, aber hier sind nicht mal Parkpiepser zu finden. Was läuft hier eigentlich?

Innenraum
Also eigentlich ist ja fast alles da. Manuelle Klima, mit einer Form von Elektrizität betriebene Fensterheber, ein Zentraldisplay in genügend hoher Auflösung, teilelektrische Sitze, ein kleines Glasschiebedach und ein Multifunktionslenkrad. Und gerade das ist auch noch rund, liegt wirklich gut in den Händen und tut was es soll. Die Materialien sind, sagen wir mal, da. Legoplastik, Kunstleder und etwas Weichplastik am Armaturenbrett. An den Türtafeln findet sich auch sowas wie das Imitat von einem Carbonimitat, welches Carbon imitiert. 

Wie ein ganz normales Auto.

Willkommen im Jahr 2000!

Angenehmer Einstieg, wenig angenehmer Sitzplatz auf Dauer. 


Platz gibts auf jeden Fall genug für zweieinhalb Personen mit Gepäck für etwas mehr als einer Woche. Die Heckklappe lebt noch im 15. Jahrhundert, wo man Elektrizität bestenfalls von einem Blitzeinschlag kannte und mit der Präsenz eines Gottes, eines Dämons oder einer garstigen Hexe verband. Aber, auch das hatte seinen Grund und sind wir ehrlich, etwas weniger was kaputtgehen kann. Also, die Heckklappe bitte mit Schmackes zuhauen. Und dabei hoffen, dass das Schiebdach nicht aus dem Dach fliegt. 

Die ersten Meter


Heiliger Gurkenschäler, was war das denn? Von der Hinterachse melden sich Geräusche beim Bremsen, die kannte ich nur von Autos, deren Trommelbremsen vor 50 Jahren konstruiert und vor 49 Jahren das letzte Mal gewartet wurden. Zur Erinnerung, das Auto hatte 2000 Kilometer auf dem Zähler und die Bremse an der Hinterachse war bereits ordentlich im Sack (Mir ist bewusst, Mietwagen auf Mallorca machen gerne mal den Handbremswendetest - Adios Bremssattel!). Aber, Bremse hinten braucht man eh nur rudimentär und normalerweise hätte ich da sofort umgedreht und hätte diese Misere wieder zurückgebracht. Aber ich hatte Lunte gerochen, dieser Eimer hat Potential für einen ausführlichen Test. Würde mich der Vierzylinder nicht permanent so anschreien, ich hätte wohl das Augenverdrehen meiner Holden gehört, als ich sagte, da schreibe ich noch was drüber.

Nach zehn Kilometern
Jetzt find' ich's schon wieder lustig. Der 116 PS Benzinsauger spielt seine 1.5 Liter absolut ungeschickt aus, und die 136 maximalen Newtonmeter muss man dem Motor gefühlt einzeln aus der Kurbelwelle ziehen. Solch ein Leistungswahn würde übrigens in 175 km/h Höchstgeschwindigkeit gipfeln aber a) hat Mallorca keine solch langen Graden und ist b) auch noch sehr hügelig. Ich lass das mit dem Topspeed und kümmere mich darum, ausserorts mindestens 100 km/h zu schaffen, um nicht von Einheimischen und Ortskundigen von der Strasse gedrängelt zu werden. 


Der saugt!

Multimediaplunder
Ja, es hat ein Display in der Mitte des Armaturenträgers, welches UKW-Radiosender anzeigt. Navi? Nope, ham wer da nicht. Android Auto? Apple Car Play? Niente. DAB plus? Nur DAB minus. Bluetooth? Klar. Dafür aber finden wir da sowas wie eine Möglichkeit, das Display eines unserer Handys auf diesen Apparillo zu spiegeln. Und nein, dafür brauchten wir keinen Adapter von USB-C auf VGA. Dafür brauchte es lediglich eine App, welche in Totalmandarin daherkam. Mit unbekanntem Entwickler. Aufzurufen über eine URL, welche man ins eigene Handy eintippen musste und die hatte so ca. 220 Zeichen. Und das hat dann tatsächlich auch ca. jedes zweite Mal funktioniert. In der Auflösung eines Röhrenfernsehers. Und jetzt haben wir auch den Joke mit dem Jahr 2000 verstanden. Da waren wir nun. 

Auch soundtechnisch war da nicht viel zu holen, aber um den Nachwuchs auf dem Rücksitz mit Paw-Patrol Hörspielen zu unterhalten, hats gereicht. Und das wäre sogar noch besser gegangen, wäre ein Ton aus den hinteren Öffnungen gekommen. Da war aber nur der Klang von Nichts. So kamen wir alle in den Genuss jenes 10-jährigen Bengels, welcher gleichzeitig Polizeichef, Feuerwehrkommandant, Bauleiter und Inhaber einer Fluglinie ist und zusammen mit ein paar Hundewelpen eine Stadt am Laufen hält, welche wiederum von einer Bürgermeisterin regiert wird, die ein strunzdummes Huhn in ihrer Handtasche spazieren trägt und dauernd irgendwo fast draufgeht. Yay!

Die Fahrt
Man muss sich das so vorstellen. Das sind, mit Passagieren so ca. 1500 Kilogramm unterwegs und das muss man dem Auto auch anrechnen, schwer wäre anders. Aber, diesen 1500 Kilogramm stehen auch nur 116 PS zur Verfügung, wenn es darum geht, den Hügel nicht wieder rückwärts herunterzurollen. Ausser man steht auf der Bremse, welche so halbkaputt war. Vorwärtsdrang scheint eher eine jener Minimalanforderungen gewesen zu sein, welche in und um das ganze Auto zu finden sind. 


Und das elend lang übersetzte 5-Gang Handschaltgetriebe hilft dem Motor leider auch nicht, in eben jene Gänge zu kommen. Du fährst 110 km/h im fünften Gang, dann kommt eine leichte Steigung und der Motor stirbt den langsamen Hungertod. Schnell runter in den Vierten und Vollgas, damit man wenigstens die 100 noch schafft und nicht aus Versehen von einem Touribus von der Bahn gerammt wird. Die Kombination von dem total schlappen Sauger und dem superlang übersetztem Getriebe macht nicht mal dann Spass, wenn man sadistisch veranlagt ist. Wo das aber vielleicht noch Sinn macht, wäre in der Verbrauchstechnik. Aber neiiiin? Saufen tut der 1500er ja auch noch wie Dean Martin, ich kam grob gerechnet auf ca. 9.5 Liter / 100 km, das ist dann schon amtlich für so einen lahmen Klepper ohne Temperament und Ambitionen zur Vorwärtsbewegung.  

Doch, es war nicht alles schlecht am Fahreindruck. Das Fahrwerk rollt einigermassen angenehm dahin und darf als komfortabel bezeichnet werden. Aber was würde ich hier eine sportliche Härte auch Sinn machen. Da reicht es übrigens auch, dass die Stühle vorne den Sitzkomfort eines kollabierten Lattenzauns haben. 

Und wenn wir schon beim Kollabieren sind, das Licht. Ich mein ja, nicht jeder Markt stattet seine Autos mit LED bzw. Matrix-LED-Scheinwerfern aus. Aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Neuwagen mit Projektionslinsen und Halogenleuchtmitteln gesehen habe. Ich mag sicherlich ein wenig verwöhnt sein, aber mit diesen Dingern, nachts im Regen, da suchste besser ein Hotel und wartest, bis die Sonne wieder aufgeht. Auch hier, der Minimalismus hat mit voller Wucht zugeschlagen. 

Fazit
Zuschlagen mag man hier bereits nach wenigen Kilometern, in jedes Stück Blech rundum. Die Maschine verhungert komplett an dem laaaangen Getriebe und saugt den 57 Liter fassenden Tank ungeniert leer, all you can eat! Ich fragte mich ja zu Anfang, warum ich dieses Auto auf unseren Strassen noch nie gesehen habe ich nach etwas mehr als einer Woche mit dem DR4 weiss ich auch warum. Als automobile Konsumenten sind wir einfach komplett verwöhnt, wir wollen gutes Infotainment, kräftige Antriebe und ein gewisses Mass an Qualität, Gimmicks und technischen Spielereien, welche wir dann auch gerne teuer bezahlen. Dieses Häufchen Elend hier, das würde bei uns einfach keine Käufer finden. Und nein, das soll nicht heissen, dass man in jenen Ländern, in welchen das Auto in den Märkten ist, keinen Qualitätsanspruch hat. Aber da ist man einfach nicht so pingelig, bünzlig und kleinlich, wenn es darum geht, dass da halt irgendwo einen Macke in einem Auto ist. Da muss das einfach irgendwie fahren, wenn's sein muss 100 Jahre lang ohne Service. Da kann es hilfreich und durchaus ein Verkaufsargument sein, wenn die Technik rudimentär bis gar nicht vorhanden ist, da sollte auch weniger kaputtgehen. 


Fährt, hat ne Nummer dran. 

Wobei, halt! Es ist ja immer alles eine Frage des Preises. Kann es denn sein, dass dieses Minimalistenauto weniger als 10 Kilo kostet? 

Kaufen?
Nope, das kostet knapp unter 20'000 Euro. Auch als Gebrauchter mit um die 50'000 Kilometern sind noch rund 15'000 Euronen auf den Tisch zu pappen. Und da krieg ich schon etwas gutes Gebrauchtes mit Restgarantie aus dem Hause Dacia, welches so in etwas dieselben Parameter bietet, aber dafür kann ich damit zu jedem Renault Händler oder einem Buschmechaniker fahren und die kümmern sich darum. 


Ne sorry, für diesen Haufen Minimalismus finde ich kaum Lob, nichtmal wenn ich auf dem Boden einer Rotweinflasche danach suche. Das ist für ne Woche grad noch so lustig, aber danach wirds echt nur noch tragisch. Ich bin so ein verwöhntes Miststück. 

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