Fahrassistenzsysteme und andere nervige Beifahrer

Aktuell...
liest und hört man von überall her, wie viele Hersteller und Zulieferer ihre Entwicklungsschwerpunkte auf das Thema autonomes Fahren legen. Allen voraus scheint Google, welche letztens (auch noch stolz) eine Art Überaschungsei auf Rädern präsentiert haben. Das Ding kommt ohne Lenkrad und Pedale daher und soll eigentlich nur noch als Behältnis für den Passagier dienen, welcher einfach mal von A nach B kommen will. Btw; ein Sarg hat die selben Eigenschaften. Gütigerweise dauert es noch eine Weile, bis dieses hässliche runde Ü-Ei mit Menschenfüllung unsere Strassen aussehen lassen wie ein überdimensionaler Süsswarenladen. Nur, kommt das gut, wenn die allwissende Internetmüllhalde demnächst den Fahrzeugmarkt beherrscht? Werde ich in der Kiste auch mit Werbung zugeschwallt?

Seid ihr bei Google betrunken??

Zum Glück...
, gerade heute noch ist der Fahrer immer noch der Chef im fahrbaren Untersatz, auch wenn die Entmündigung schleichend aber konstant vonstatten geht. Immer mehr Assistenzsysteme drängeln in immer kostengünstigere Autos rein, die Hersteller versprechen, pardon, mutmassen in ihren Hochglanzprospekten, dass uns dies das Autofahrerleben erleichtert und sogar schützt. Das Zweitere muss man definitiv zugestehen, sicherlich hat schon irgendwo ein Bremsassistent verhindert, dass irgendwelche auf dem Handy tippenden Fussgänger wortlos unter hochbeiningen SUV's verschwinden und das alleine rechtfertigt eigentlich alles. Aber ersteres kann ich so nicht unterschreiben.

Zur Zeit...

fahre ich eine C-Klasse der Baureihe 204, vollgestopft mit sovielen Assistenten, dass in mir manchmal das Gefühl eines unsichtbaren Fahrlehrers auf dem Beifahrersitz aufkeimt.

Nicht so! Du bist zu schnell! Ich brems mal für dich! Du bist zu weit links! Hier ist 120! Da überholt gerade einer! Du bist zu dicht drauf! Motor aus! Trink mal nen Kaffee! Da steht was im Weg! Ich greif dir mal ins Lenkrad rein!

Blablabla, so manche(r) hat solch ein System seit 30 Jahren dabei, es ist biologisch abbaubar, sitzt auf dem Beifahrersitz und mag meistens Blumen oder Bagger.

Anfangs fand ich diese zusätzliche automobile Aufmerksamkeit und die künstliche Intelligenz hinter den Systemen noch beeindruckend. Mittlerweile bin ich aber etwas ernüchtert.

Der Abstandswarner in Verbindung mit der Distronic steht mir zu oft und vor allem zu heftig auf die Bremse, dafür aber ist der Gasfuss wohl permanent eingeschlafen und kribbelt gefühllos vor sich hin, wenn denn mal vorne Platz ist, lässt sich das System ordentlich Zeit. Beispiel gefällig? Ich könnte diesen Beitrag sturzbetrunken auf dem Handy eintippen, während die Distronic noch das Gaspedal sucht. OK, vielleicht etwas übertrieben....

Der Spurassistent (inkl. Bremseingriff für die Korrektur) ist bei nasser Fahrbahn so zuverlässig eine Bohrmaschine aus China und die Start-Stop Automatik ist dümmer wie ein Türknopf. Fahre ich in einen Parkplatz und bremse, geht die Maschine aus. Wenn ich dann den Wählhebel wieder auf "P" schiebe, geht die Maschine wieder an. Sieht dämlich aus, wenn man gerade vor ne Bank fährt und den Motor aus und an und wieder aus macht, als ob's ein Sport wäre. Für Aussenstehende entsteht der Eindruck als ob ich den Laden überfallen möchte, aber mich noch nicht entschieden habe, ob ich den Motor laufen lassen soll.

Den Aufmerksamkeitsasisstenten habe ich auch nach rund 4000 gefahrenen km noch gar nicht kennengelernt, trotzdem dass ich mal versucht habe, ihn aus den tiefen der Bordelektronik zu holen. Soll heissen, ich kann gleichzeitig (im sicheren Umfeld natürlich) Schlangenlinien fahren, gähnen, langsam blinzeln und sogar mir geschlossenen Augen lautstark den Tacho anschnarchen, der Typ kommt einfach nicht um die Ecke, keine Spur von einem guten Ristretto. Vielleicht ist er aber auch nur etwas lockerer drauf als seine Kollegen und schlürft den Kaffee lieber selber.  

Der Kollisionswarner ist ebenfalls ein übervorsichtiger Zeitgenosse, er piept mich relativ uncharmant auch dann an, wenn es weit und breit nichts zu kollidieren gibt. Das passiert zwar selten, aber wenn, empfinde ich dies als irritierend. Und Starkregen brachte die Parkdistanz kürzlich völlig aus der Fassung, da war kompletter Terror in der Bude.

Der Totwinkelwarner blökt auch dann noch, wenn der Überholende längst vorbeigezogen ist und ich einfach mal den Blinker stelle.

Nicht falsch verstehen, ich mag den Benz, trotz bzw. auch wegen seiner mehr oder minder intelligenten Assistenten. Und ich werde ihm auch eine erstklassige Aufbereitung spendieren, wenn er dann mal eine Kaltverformung verhindert oder sogar ein Leben gerettet hat. Alles besser als gar keiner der mich im Fall der Fälle gar nicht anpflaumt oder einfach einmal zu wenig über meinen Fahrstil meckert.


Aber...
es nervt manchmal trotzdem wie ein Wadenkrampf. Der Benz hat eine Menge Knöpfe, wirklich, viele! Plus nochmals Milliarden Einstellungsmöglichkeiten via Bordcomputer. Aber den für mich und wohl viele andere auch wichtigsten Knopf(!!) haben sie vergessen. Nämlich der, welcher all den spiessigen Assis mal sagt, sie sollen den Ball flach, die Füsse still und vor allem den Latz halten und aufhören, einen auf ultrakorrekte Spassbremse zu machen. Ich mag es nicht, ein Multifunktionsdisplay darum anzubetteln, es möge doch aufhören, die Freude an einem sportlich motorisierten Fahrzeug mit beiden Händen um den Hals langsam und qualvoll zu erwürgen. Ich mag es nicht, nach jedem Motorstart selber die Entscheidungsgewalt über einen Motorstopp an der Kreuzung an mich reissen zu müssen. Ich mag es nicht, wenn mir die Elektronik in dem Falle widerspricht, wenn ich das ESP aus haben will und mir der Depp trotzdem noch reinpfuscht, auch wenn ich alles unter Kontrolle habe. Ich weiss was ich tue! Ich habe eine Fahrprüfung abgelegt, bin dankenderweise körperlich gesund und fahre seit jener Fahrprüfung unfallfrei und musste auch meinen Lappen noch nie hergeben. OHNE dass mir dauernd jemand reingeredet hat.


Ich verstehe...
dass man sich als Hersteller heutzutage absichern muss, vor allem dagegen, dass einem der Hintern weggeklagt wird, nur weil ein Fahrzeuglenker seine Fahrerlaubnis offensichtlich im Bingo gewonnen hat. Und ich habe auch Verständnis dafür, dass all diese Systeme aus gutem Grund völlig übervorsichtig parametrisiert sind und eigentlich nur mein Bestes wollen. Und ich verstehe es auch absolut, wenn man weniger Unfalltote auf der Strasse haben möchte und als Hersteller seinen Beitrag dazu leisten möchte/muss. Wirklich.

Trotzdem...
, bitte liebe Hersteller, baut standardmässig einen einfachen Killswitch für all diese Systeme ein und überlasst dem Fahrer sein Auto, wenn er es denn will. Von mir aus könnt ihr das Ding auch Beschriften mit "Idiot Mode" oder "Versicherung aus", mir wär das wurscht. Hört auf, den Fahrer Stück für Stück zu entmündigen, ohne eine einfache Möglichkeit zu bieten, auch mal etwas (vermeintlich) dummes zu tun. Hört auf, so viele Hürden einzubauen, ich will nicht 5min lang durch irgendwelche Menüs hampeln, nur damit ich das Auto mal rennen lassen kann. Beim Drücken der "Sport" Taste fallen schliesslich auch keine Turnschuhe aus dem Handschuhfach raus? Absolut niemand flüstert einem Pferd fünf Minuten die Löffel ab, bevor er/sie es galoppieren lässt, seit Hunderten von Jahren setzt man sich drauf und gibt dem Klepper die Sporen. Und hört bitte auch auf so zu tun, als wären wir alle irgendwelche Gehirnamputierten, welche ohne die ganze künstliche Intelligenz kaum in der Lage sind, ein Auto auf der Strasse zu halten, damit meine ich im speziellen nicht komplett abschaltbare ESP's. Sollte der Schlitten auch ohne ESP nicht sicher zu fahren ist, habt ihr euren Job einfach nicht richtig gemacht, Punkt. Und wenn wir etwas weg und verboten haben wollen, dann wenden wir uns an Mama, den Staat oder die gängigen Religionen. Ein Auto kann und darf auch Spass machen, innerhalb der gängigen Gesetze und Regeln und ohne piepsende und blinkende Nervenbündel im Armaturenbrett. Danke!




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