Subaru Legacy 3.0R specB AWD
Vorwort
Der ewig defekte Audi verlangte nach einem Nachfolger. Da mein Geldbeutel regelrecht mit vier Ringen gebrandmarkt war, richtete ich meine Fühler nach einem weiteren allradgetriebenen Kombi mit sportlichen Attributen aus, allerdings möglichst ohne Premiumdefekte. Nach paar recht erfolglosen Eintauschversuchen hatte ich dann doch noch einen Händler gefunden, der genau einen solchen Kombi auf der Halde stehen hatte;
Was denn?
Subaru Legacy 3.0R specB AWD. Auch hier, die Typenbezeichnung ist ein Zungenbrecher wie schon beim Impreza. In Tokyo ist man anscheinend extremst schmerzfrei (wie bei so manchen Dingen), wenn man jemandem erklären muss, was für ein Auto man gerade fährt. Wurde ich danach gefragt, war es einfach nur ein 3-Liter Legacy. Den Rest ersparte ich dem Fragesteller, man will ja auch nicht dastehen wie jemand, der sein eigentlich eher unauffälliges Auto mit einer Typenbezeichnung von einer todbringenden Mittelstreckenrakete aufpeppen will. Etwas peinlich. Der Schlitten hatte einen für Familienkutschen absolut exotischen 3.0er Boxermotor mit sechs Zylindern und 245PS/6600 U/min und 297nM bei 4200U/min. Da dran pappt ein 6-Gang Schaltgetriebe wie man's auch im STi gefunden hat, hecklastiger permanenter Allradantrieb und Diffsperren an allen Ecken. Da ich schon den einen oder anderen Subaru über 100TSDe Kilometer ohne Probleme gefahren bin, wusste ich, da bin ich sicher vor den aberwitzigen Stundensätzen jener armen Leute, welche das wieder gradebiegen müssen, was irgendein Kostenverantwortlicher in seiner Sparwut entschieden hat.
Laufleistung
Beim Kauf ca. 85TSD km.
Wie weit?
Ziemlich exakt 50TSDkm.
Jep, da war doch noch die eine oder andere Frage.
Erster Eindruck
Langweilig. Der japanische Passat, von welchem VW später die eine oder andere Designanleihe für den echten Passat genommen hat. Optisch ist der Legacy bis auf die 18"er so unauffällig wie Kim Kardashian in Ihrem Sextape.
Zeigefinger (Assistenzssysteme)
Innenraum
Hier kann man nicht meckern, auch wenn man gerade aus einem B6 S4 ausgestiegen ist. Straffe, gut geformte Ledersitze, auf den Fahrerplatz ausgerichtetes Cockpit mit Zeigershow beim Start, schick. Mittelkonsole ist etwas arg plastiklastig, da gibt's schöneres. Dafür haben alle Knöpfe und Schalter angenehme Druckpunkte und machen einen wirklich wertigen Eindruck. Etwas aufgepeppt wird das ganze von Momo (Lenkrad, Handbremse, Schaltsack, Alupedalerie) und Chromringen um den einen oder anderen Regler am Radio. Grooosses Glasschiebedach, angenehm rot beleuchtete Schalter, sehr gefällig.
Der Bodcomputer hatte ein wenig Playstation abgekriegt, so konnte man z.B. über das grosse Touchdisplay die Drosselklappenstellung, Batteriespannung, Verbrauch und sonst noch ein paar nette Infos grafisch darstellen lassen. Nett für den, den's interessiert, schlussendlich aber nur Spielerei.
Was mich immer geärgert hat; Die Innenraumleuchte ist wegen dem grossen Schiebedach in den Fond gerückt, nach dem Abziehen des Schlüssels ist die Rücksitzbank so hell erleuchtet wie ein Fussballstadion, der Fahrer und Beifahrer fristen ein Dasein in ewiger Dunkelheit und Verdammnis. Wie oft habe ich mein Handy und anderen unnützen aber nötigen Kram nochmals holen müssen, weil ich's im Dunkeln auf dem Beifahrersitz vergessen hatte? Dämlich. Manchmal möchte ich wirklich mal ein Wörtchen mit den Entwicklern sprechen, die solchen Mist in die Serie einfliessen lassen...
Die ersten Kilometer
Hm. Man hört so nix. Die Maschine ist in den normalen Drehzahlbereichen praktisch unhörbar. Nur unter Last dringt ein wenig Ansauggeräusch in den Innenraum. Im Stand hört man gar nicht, ob das Aggregat wirklich läuft, weder innen noch aussen, deshalb hab ich den Legacy übrigens auch das eine oder andere mal versehentlich nochmal geanlassert, kein schönes Geräusch. Gab's nicht früher mal so etwas wie eine Anlassersperre im Zündschloss? Auf jeden Fall, alles sehr unauffällig, entgegen der Namensgebung sehr unspektakulär, etwas zu korrekt für meinen Geschmack.
Nach 10 Kilometern
Immer noch alles sehr unauffällig. Die Schaltung geht im Unterschied zum STi sehr weich, geräuschlos aber trotzdem recht exakt. Mich erinnert das ein wenig an die Schaltung im 240er Volvo Turbo, den mein Pate mal sein eigen nannte. Grosser Sack, grosser Knüppel, die Combo geht anscheinend gerne Hand in Hand. Das Fahrwerk (Bilstein) ist eher straff abgestimmt, das mag im ersten Moment so gar nicht zu dem leisen Triebwerk und dem gediegenen Interieur passen.
Multimediaplunder
Die Fahrt
Die ersten paar hundert km konnte ich seit langem wieder mal etwas entspannen. Ich musste mich erst wieder daran gewöhnen, keine Angst vor einem Totalausfall zu haben. Ich musste mir keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich jetzt nachts um drei bei strömendem Regen und akutem Durchfall noch besoffene Kumpels aus der Kneipe abholen wollte. Der Legacy erschien immer grundsolide, zuverlässig und souverän. Keine unnötigen Gimmicks, nur das, was gerade so Sinn macht. Elektrische Sitze mit Heizung, E-Fenster, E-Dach, Klima, Licht, Radio, alles funktionierte durch die Bank tadellos und ich vermisste weder den V8 noch sonst irgend einen Mist aus Ingolstadt, am wenigsten das FIS, welches mir so manchen Tag versaut hat. Und wenn man schon beim Thema ist; der Ölverbrauch war bei diesem Motor minimal, ich habe höchst selten mal etwas nachschütten müssen. Spricht auch für die Qualität der Maschine.
Dann hatte der Legacy aber noch so etwas wie ein zweites Gesicht. Entgegen der gähnend langweiligen Optik und dem Triebwerk mit der Geräuschkulisse von einem komatösen Buchhalter, konnte er auch wirklich sportlich. Oberhalb von 3500 U/min erwachte der Boxer förmlich. Ohne hier als Frevler dazustehen, aber das Ansauggeräusch stand den Flachkäfern aus Zuffenhausen in nix nach. Und damit fing auch der Spass an, Boxertypisch geil auf hohe Drehzahlen, ideal gepaart mit dem kurz abgestuften 6-Gang Getriebe hatte der Legacy ungeahnte Spurterqualitäten. In Verbindung mit dem Bilstein Fahrwerk und der immer ausreichend vorhandenen Traktion konnte man den biederen Kombi so richtig übel um die Ecken rum und auch wieder aus besagten Ecken rausprügeln. Das Fahrverhalten war zwar etwas hecklastig, aber unproblematisch. Das Ding machte wirklich Spass, wenn man's auch mal etwas krachen lassen wollte. Nicht unbedingt ein Wolf im Schafspelz, aber auch kein Schaf im Hello Kitty Kostüm. Rein subjektiv war der Legacy definitiv so flott wie der S4. Dass hier die Herren von Bilstein einen richtig guten Job an dem Sushibomber gemacht haben, lässt sich nicht abstreiten, Kompliment!
Auch auf deutschen Autobahnen war der Legacy immer gut dabei, obwohl man dem unauffälligen Japaner nur ungern Platz machte. Jenseits der 200km/h war das Fahrgefühl immer noch sehr entspannt und so mancher blickte ungläubig nach links, wenn man auch noch jenseits der 230km/h vorbeiziehen konnte.
Dem Fahrwerk möchte ich gerne einen eigenen Absatz widmen. Ich persönlich hoffe, dass ich den Eindruck dieser ausgewogenen Abstimmung in einem Sportkombi noch lange in Erinnerung behalten werde, für mich ist dies in meinem bisherigen Autofahrerleben die Referenz. Bilstein hat hier eine echte Marke gesetzt, zum meinem absoluten Bedauern ohne Resonanz aus dem Markt, der specB verkaufte sich leider nur sehr bescheiden. Dieses lebendige Heck, die Möglichkeit, ein solch grossen Allradkombi dermassen unproblematisch in eine Kurve reinbremsen zu können, das habe ich noch ganz selten erlebt. Wirklich schade!! Wer sich darunter nichts vorstellen kann, Vicky von Fifth Gear hat hier den Nagel in Bild und Ton auf den Kopf getroffen: Klick mich hart!
Während der ganzen Zeit und Distanz hatte der Legacy nicht einen Defekt; null, nada, niente. Ich machte lediglich die normalen Wartungen und einmal benötigte ich einen neuen Satz Bremsscheiben und Scheibenwischer. Ansonsten hatte ich über zweieinhalb Jahre ein absolut zuverlässiges, spassiges und flottes Auto unter dem Hintern, welches meiner Meinung nach locker mit den 3ern und den anderen 3.0ern aus der Zeit mithalten konnte. In vielen Bereichen war Subaru der Konkurrenz auch voraus, das Leergewicht von 1560kg bei einem voll ausgestatteten Sportkombi war deutlich unter dem, was die Konkurrenz auf die Waage brachte. Und das merkte man auch, der grosse Subaru war überraschend agil und fühlte sich alles andere als behäbig an. Btw; 1630 Liter Bier passten in den Frachtraum, zumindest theoretisch.
Im Winter offenbarte der Subaru aber seine wahre Bestimmung. Auf Schnee war das Auto der Kracher. Auch mit scharfem ESP lies er den hintern gerne mal etwas raushängen und hat so auch dann noch Spass gemacht, wenn man den elektronischen Aufpasser noch unter Strom stehen hatte. Ohne ESP waren wunderbar kontrollierbare und endlose Drifts möglich. Dreher waren gab's nur, wenn man sich komplett in der aufkommenden Euphorie über den Blick aus der Seitenscheibe verlor und nicht wusste, wann's denn nun genug war. Die aktive Kraftverteilung und die gefühlvolle Lenkung ermöglichte immer wieder das Geradeziehen der Fuhre ohne lästige Peitscheneffekte.
Fazit
Von der Optik her ist der grosse Subaru wohl nicht jedermanns Sache, und meine eigentlich auch nicht. Allerdings, von der Zuverlässigkeit her war das das wohl beste Auto, welches ich je über längere Zeit gefahren bin. Keine Defekte, keine klapprigen Innenraumteile, keine ausserplanmässigen Werkstattaufenthalte. Die Qualität des ganzen Autos lässt für mich keine Zweifel aufkommen, alles was drin und dran war, funktionierte wie es sollte. Bedientechnisch gab es nur Details, welche störten, mir kommt da nur die per Tastendruck manuell dimmbare Armaturenbeleuchtung in den Sinn. Auf die kommt man leider nur, wenn man mal ein Blick in das Handbuch wirft. Die Bezeichnung Sportkombi hat der SpecB verdient, die Lenkung ist sehr direkt, das Fahrwerk straff aber dennoch nicht unkomfortabel und das Triebwerk rennt richtig gut. Ursprünglich war das Auto für mich nur so etwas wie eine Notlösung, vor allem, damit der mimosenhafte Audi endlich mal vom Hof kommt und aufhört, mir auf den Sack zu gehen. Schlussendlich hab ich den Legacy doch noch länger behalten, als eigentlich vorgesehen, er hat seinen Job einfach tiptop erledigt. Wieso kann das ein Premiumaudi nicht mal ansatzweise so gut? Und gemäss Werkstatt und auch Gebrauchtwagenmarkt sind hier Laufleistungen jenseits der 200TSD km absolut kein Problem.
Kaufen?
Klar!! Ein dermassen unscheinbares aber trotzdem flottes Auto mit uneingeschränkter Zuverlässigkeit wird bei anderen Herstellern nur schwer zu finden sein. OK, die specB's sind generell auch schwer zu finden, weil leider nur in kleinen Stückzahlen verkauft. Wer aber sowieso gerade auf einem Gebrauchtwagenplatz rumlungert, in der Absicht einen Dieselkombi für die Familie zu kaufen, und dann einen solchen Exoten in der Ecke stehen sieht, sollte sich die Zeit für eine Probefahrt nehmen. Garantiert, der Heizölkombi wird sofort einen sehr schweren Stand haben, trotz des wohl niedrigeren Verbrauchs. Apropos, hier habe ich die Trinksitten tatsächlich mal gemessen; mit ca. 10.5L/100km wird man rechnen müssen. Dafür muss man aber auch keine Zusatzkilometer für Werkstattbesuche einrechnen ;-). Ein moderater Sleeper welcher auch noch dermassen zuverlässig ist? Ich könnte da nur schwer widerstehen!
:icon_suspect:
AntwortenLöschenEs ist schon erstaunlich wie du es schaffst meine Meinung "diesen biederen Kombi würde ich nie kaufen" innerhalb von ein paar emotionalen Zeilen in "dieses Auto muss ich haben...wenn irgendwann Kids da sind" zu wandeln.....jetzt gehts erstmal zu mobile.de, mal sehen wie teuer die Teile sind ;-)
AntwortenLöschenErstaunlich, was dieses Schiff so draufhat! Ich hielt den immer für eine Schaukel mit antiquierter Technik und unanständigem Durst.
AntwortenLöschenLässt sich das Fahrwerk nicht bei einem 'normalen' 3.0 nachrüsten?
Kuck mal hier: https://www.subaru-community.com/index.php?form=Search&searchID=834511&highlight=specb+fahrwerk
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