Mercedes Benz B180

Vorwort
Ich erinnere mich noch an den ersten Kompaktwagen mit Stern als wär's gestern gewesen. Damals war Mercedes mit einem Promotion Truck unterwegs und bot jedem, der wollte, eine unverbindliche Probefahrt in der A-Klasse in allen Ausstattungslinien und Motorisierungen an. Auch ich liess es mir damals nicht nehmen, meine Nase in den Babybenz reinzustecken und mir einen Eindruck zu verschaffen, und der war gar nicht mal sooo übel. Die 5-Gang Halbautomatik fand ich damals recht witzig, schalten ohne Kuppeln kannte ich bis dahin nur mit entsprechend hässlicher akustischer Untermalung.


In den Medien fand sich an jeder Ecke der plötzlich so hippe Elch Test, welcher die A-Klasse zuerst auf zwei Rädern und kurz darauf auf dem Seitenspiegel gemeistert hat. Mit grosser Wahrscheinlichkeit auch ein ziemlich hässliches Geräusch, heutzutage würde das noch untermalt werden vom obligaten Coffee-to-Go, welcher aus dem Becherhalter an den Dachhimmel klatscht und die Frontscheibe in ein schönes Frappucinobraun taucht.

Hoppla!

genau dort stand der Elch!
 
Dieser unfreiwillige Stunt war kein Ruhmesblatt für jenen Hersteller, der ansonsten für seine überragende passiven und aktiven Sicherheitskonzepte bekannt war. Und der Einstieg ins Kompaktwagensegment resultierte zwar in überdurchschnittlich viel medialer Aufmerksamkeit, allerdings nicht im positiven Sinne. Elchtest war das Unwort des Jahres 1997 und ESP war geboren, die Unart, Fahrwerksdefizite mittels Rechenpower auszumercen. Nach den heutigen automobilen Sicherheitsmassstäben ist ein Auto ohne aktive Fahrhilfen gleichzusetzen mit einem Sarg mit Schweinwerfern.

Und nicht, dass nur die Stuttgarter durch die dicken Hirsche aus dem Norden in Bedrängnis gerieten, so mancher Hersteller musste sich darüber Gedanken machen, ob denn ein Seitenspiegel das richtige Bauteil sei, um ein Auto auf Kurs zu halten.

Was denn?
Ein Mercedes Benz B180 Benziner mit 122PS und 200Nm, verheiratet mit einem automatisierten 7-Gang Schaltgetriebe.



Laufleistung
7300km.

Wie weit?
läppische 30km.

Handbuch gelesen?
Ne.

Erster Eindruck
Ne, der ist nicht schön. Irgendwie versucht hier ein Kompakter krampfhaft ein Mercedes zu sein. Mir kommt dabei augenblicklich der Fischbenz in den Sinn.



Tötet es! Tötet es mit Feuer!!

Nix halbes, nix ganzes...

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Kollisionswarner.

Innenraum
Auf den ersten Blick ist das unverkennbar das Familienwohnzimmer der Stuttgarter Autoschmiede. Das übliche Layout, das Lenkrad, die Ambientebeleuchtung und vertraute Tasten und Regler.

LED, LCD, PET?
Doch der der Bbbbenz enttäuscht spätestens beim Anfassen und Antippen gewaltig. Der Armaturenträger scheint aus demselben Material zu sein, wie die Joghurtbecher mit dem Probiotikgeschlabber drin. In einem krassen Gegensatz dazu erscheinen die Türverkleidungen aus Leder mit den sichtbaren Kontrastnähten, das sieht dann wiederum ziemlich hochwertig aus. Verwirrend. Massanzüge und Gummistiefel finden sich doch auch nicht in denselben Klamottenschuppen??


Immerhin, die Sitze sind straff gepolstert, aber dennoch bequem. Ob sie für die Langstrecke taugen kann ich nur mutmassen, bei der von mir gefahrenen Kurzstrecke kamen jedenfalls keine Rückenschmerzen oder taube Beine zum Zug.  


Die Mittelkonsole gehört leider in dieselbe Liga wie besagtes Sandkastenspielzeug. Es klappert zwar nix, aber der erste Eindruck von Hochwertigkeit erübrigt sich spätestens, wenn man hier mal etwas anfasst.

Die ersten Kilometer
Oje, der 122PS Benziner und die Automatik sind keine gute Kombination, zumindest nicht für mich. Wie heftig muss ich den rechten Fuss denn noch in den Teppich parken, damit die Fuhre wenigstens ein bisschen zügig vom Fleck kommt?

Nach 10 Kilometern
Das wird nicht besser. Das Auto ist wirklich lähmend lahm. Immerhin, der Geräuschpegel ist erfreulich gering, hauptsächlich weil die Automatik bei konstanter Geschwindigkeit immer den höchstmöglichen Gang wählt und die Maschine dabei nicht brummt oder noch schlimmer, vibriert.

Multimediaplunder
Audio 20 nennt sich das standardmässig verbaute System. Keine Ausgeburt an hochfidelem Audiogenuss, aber fürs Hören von Andi Borgs letztem Meisterwerk reicht's vermutlich. Der auf dem Armaturenträger aufgesetzte Bildschirm ist im wahrsten Sinne des Wortes eine kleine Katastrophe. Von der Auflösung wie von der Optik, was findet Mercedes nur an diesem aufgeklebten iPad welches auch noch grosszügig von Hochglanzrotzmagnetplastik umrahmt wird?

Die Fahrt
Kurz; kurz. Zum Glück. Der müde Motor ist wirklich keine gute Kombination mit dem Automatikgetriebe. Ist die Anfahrschwäche erstmal überwunden folgt sogleich das ausführliche Kneten im Drehzahlteig. Hohe Drehzahlen gepaart mit eher verhaltener Beschleunigung, eine Qual für jeden, der wie ich Autos mit sportlichem Charakter mag. Irgendwie hatte ich den unterbewussten Eindruck, als würde ich die Maschine mit meinem rechten Fuss auf das Übelste beleidigen und dafür nur eine völlig unmotivierte Leistungsabgabe ernten. Jedenfalls hatte ich irgendwann so etwas wie ein schlechtes Gewissen dem 180er gegenüber, was fällt mir auch ein, nicht von einem Wohnwagengespann überholt werden zu wollen...

Aber der B-Benz will und kann auch gar kein Sportler sein, daran ändert auch die Sporttaste in der plastifizierten Mittelkonsole nix. Da kommen nur noch höhere Drehzahlen von dem trägen Vierzylinder. Immerhin, die Fahrleistungen halten das, was die fischige Aussenoptik verspricht. Nämlich nix.

Doppelflutige Auspuffanlage? Ach bitte...

Abgesehen davon; wenn die gewünschte Geschwindigkeit mal erreicht ist, passt eigentlich alles. Die Bedienung im Innenraum ist einfach gehalten, Schalter und Bedienelemente sind da wo sie nach meinem Verständnis auch hingehören und das Fahrwerk ist unaufdringlich komfortabel. Auch die Lenkung fühlt sich gut an, gerade weil man ihr nicht irgendwelche sportlichen Ambitionen verpasst hat. Das flott und völlig ruckfrei schaltende Getriebe passt dann auch zu dem allgemeinen Fahreindruck; sehr unaufdringlich.

Die B-Klasse ist das was ich (ohne jemandem zu nahe treten zu wollen) gerne ein Rentnerauto nenne. Dort scheint nämlich auch die Kundenzielgruppe zu liegen, Leute die ein gediegenes Auto mit einem guten Raumgefühl haben möchten, aber keinen Wert auf qualmende Reifen und schwitzige Hände beim Fahren legen. Weil, gediegen ist die B-Klasse, das hat sie mit vielen ihrer Brüder (und Schwestern?) aus dem Markenportfolio gemeinsam. Und da scheint die B-Klasse auch ein echter Mercedes zu sein, man mag damit einfach nicht zügig fahren, sondern möglichst entspannt von A nach B kommen. Der B180 entschleunigt, und das ob man will oder nicht.

Auf einen Elchtest habe ich verzichtet, weil A) in unseren Breitengraden keine Elche auf den Strassen rumturnen und B) weil das Auto einen ziemlich sicheren Fahreindruck hinterlässt. Hätte MB hier wieder gepatzt, hätten sich sicherlich eine Menge Journalisten auf den B gestürzt wie die Fliegen auf den Elchschiss.

Den B hatte ich als Ersatzfahrzeug im Rahmen der Wartung von meinem Dailydriver. Was habe ich mich gefreut, mich wieder in mein eigenes Auto zu setzen...

Fazit
Für mich ist das Auto so gar nix. Und irgendwie ist der B für meine Ansprüche auch nur ein halber Mercedes. Das spiegelt vor allem der Innenraum wieder, Türen und Sitze sind zweifelsfrei Mercedes, der Armaturenträger scheint in der Materialauswahl einem fetten Rotstift in Controllerhänden zum Opfer gefallen zu sein. Das können z.B. die Ingolstädter besser, dort zieht sich der Qualitätseindruck gerade im Innenraum durch alle Modellreihen. Verständlich, dass MB seine kleineren Modellreihen von den teuren Schiffen in den E- und S-Klassen abtrennen will, aber ob das der richtige Weg ist, indem man grosszügig Koreaplaste in den Innenraum klatscht? Das einzige was den B-Benz als Sternträger qualifiziert ist das Fahrgefühl. Gediegen, ruhig, leider auch etwas langweilig.

Kaufen?
Wer mit der Hetze nach sportlichen Autos abgeschlossen hat, kann sich den B anschauen. Fahren tut sich der kleine Benz mit der 180er Maschine einwandfrei, aber eben auch komplett emotionslos. Als flott würde ich das Auto nicht bezeichnen wollen, aber dafür gibt's ja zum Glück noch andere Motoren in der Modellauswahl. Und dann wäre noch der Preis, aktuell ist durch die starken Schweizer Fränkli eine Menge Rabatt zu holen, MB Schweiz offeriert seit einigen Tagen grosszügige Rabatte und damit kann man den höheren Anschaffungspreis gegenüber der Kompaktkonkurrenz etwas eher verschmerzen. Im restlichen Europa entscheidet dann eher die Verhandlungsbereitschaft der Händler.

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