Motorisierte Hauptdarsteller - 3. Teil

Vorwort
Steven Spielberg hat auch mal klein angefangen. Bevor E.T., Indiana Jones und dem Soldaten James Ryan waren die Zugpferde in Spielbergs Werken den noch recht knappen Budgets angepasst. Was nicht heissen soll, das Spielberg zu seinen noch unbekannten Zeiten halbe Sachen abgeliefert hat.

Ab jetzt; Spoileralarm. Wer sich den Film ansehen möchte, den gibt's freundlicherweise hier;



Duell


Verfolgungsjagden
... sind meistens spektakulär, es geht eine Menge zu Bruch und oft trägt ein in gesundem Masse überdrehter Schuss Komik zum Unterhaltungswert bei. Duell hat von all dem... gar nichts. Keine dicklichen, dümmlichen und unfähige Polizisten, keine grossartigen Stunts und auch keine witzigen Dialoge, nicht ein Lacher ziert diese Reifenromanze. Der Film lebt von lediglich vier Hauptdarstellern und sehr wenig Text. Da wäre einmal David Mann, ein spiessiger Vertretertyp in Hemd und Krawatte, von seiner Frau gequengelt und vom flachen Radioprogramm anscheinend bestens unterhalten auf seinem Weg über Wüstenstrassen und durch die Berge.


Der unbekannte Trucker



Und dann sind da noch die zwei motorisierten Hauptdarsteller;

Der Gute


Ein feuerroter 1971er Plymouth Valiant welcher den Motorengeräuschen nach mit einem der eher lahmen Sechszylinder bestückt ist. Mann hat einfach kein Glück an diesem sonnigen Tag. 

Der Böse


Ein rostiger, dreckiger und lauter 1955/1960er Peterbilt 281 Tanklastzug mit der Ausstrahlung eines Zombies, aber der körperlichen Verfassung eines Bodenturners. Der Fahrer bleibt im Dunkeln und wird nie gezeigt, dies überlässt Spielberg der Fantasie des Zuschauers und das ist gut so. Die basslastige Klangkulisse und die Rauchentswicklung des Cumminsdiesels verstärkt den bedrohlichen Eindruck, der untote Truck läuft wie die Hölle und scheint vom Teufel persönlich gelenkt zu werden.

Auf der Flucht
David Manns Reise beginnt in Los Angeles, raus aus der heimischen Garage geht's durch die Stadt in Richtung Wüste. Begleitet wird Mann anfangs noch von belanglosem Geplapper im Radio. Doch das sollte sich schnell ändern, als der alte Tanklaster vor ihm auftaucht und ihn nicht nur am überholen hindert, sondern ihn auch noch in den Gegenverkehr winkt. Spätestens jetzt wäre der normale Autofahrer (von heute) hinterm Steuer ausgerastet und hätte gleich mal ein Handypic von dem LKW geschossen, nur um den Fahrer Minuten später bei der Polizei anzuzeigen. Nur, man schreibt hier das Jahr 1971, die Polizei war auch schon damals nicht da wenn man sie gebraucht hat und Smartphones gehörten noch nicht zum festen Inhalt jeder Hosen- oder Handtasche. Mann ist auf sich allein gestellt und entgegen seinem sonst eher ruhigen Gemüt entschliesst er sich, den LKW mit einem halsbrecherischen Manöver zu überholen. Damit wäre für Ihn die Sache erledigt gewesen.

Nicht für den Trucker. Er scheint nicht nur den Entschluss gefasst zu haben, David das Leben zur Hölle zu machen, nein, er möchte ihn zu diesem besagten Ort fahren lassen, anstelle seines ursprünglichen Ziels. Und damit geht der Film eigentlich erst richtig los, das ist nach ca. 20 Minuten.


Das Katz und Maus Spiel beginnt, der Peterbilt wird nun zum Jäger und der Valiant wird zum Gejagten. Während die Kraft und Gewalt des Trucks auch akustisch von dem Sound des Cummins Sechszylinder untermalt wird, hört man von dem Valiant nur ein leises Säuseln und die eher verhaltene Bewegung der Tachonadel. Der Plymouth ist nicht nur unterlegen, er ist das offensichtliche Opfer, welches mit einem Messer zu einer Schiesserei aufgetaucht ist.



Interessante Parallele; Spielberg nutzt die Innen und Aussenspiegel des Valiant als den Ort, wo das Böse lauert. Vergleichbar mit der Schwärze des Meeres in "der weisse Hai" sind die Spiegel jene Orte, wo das Unheil plötzlich auftaucht und zuschlägt. Die zittrige Kameraführung und die ebenso zittrigen Spiegel des roten Viertürers lassen mich als Zuschauer immer wieder näher vor den Bildschirm rücken, in der Hoffnung, dass man den Trucker dann doch noch irgendwann sieht. Der Film ist stellenweise trotz der sehr begrenzten Mittel von Spielberg unfassbar spannend, auch ohne dass irgendwelche stöhnenden und röchelnden Dämonen aus dunklen Ecken springen und Blut und Eiter in die Gesichter der Darsteller rülpsen. Dafür glänzt das damals fürs Fernsehen konzipierte Werk mit zahlreichen Kameraperspektiven aus der Stossstangensicht, welche heute kaum mehr aus Computerspielen mit motorisiertem Hintergrund wegzudenken sind und den Eindruck von der tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeit noch verstärken.

Der Gejagte hat keinen guten Tag. Ein Anruf via Telefonzelle bei der Polizei endet damit, dass der Truck die Zelle plattwalzt und David nur knapp dem Tod entkommen kann. 

Der gestresste und geängstigte Hauptdarsteller schafft es während des Films immer wieder, den Truck abzuschütteln und sich damit eine kurze Verschnaufpause zu verschaffen. Dort erscheint der Film auch immer wieder mal etwas langatmig, es gibt halt leider ausser dem mit der Zeit immer schlimmer lädierten Valiant und einer Menge Wüstenstrasse nicht viel zu sehen. Aber als Liebhaber unvorhergesehenen Wendungen wird man nicht enttäuscht;


Der Truck taucht immer wieder da und dann auf, wo man ihn nicht erwartet. Und, er wartet. Er gibt dem Valiant immer wieder etwas Vorsprung, nur um ihm dann wieder aufzulauern und David's Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen zu treiben. So auch zum Beispiel, als er plötzlich hinter seiner Beute am geschlossenen Bahnübergang steht und sie gegen den vorbeifahrenden Güterzug zu schieben beginnt. Nicht nett.


Das Ganze geht für den Plymouth gerade nochmal gut aus, wobei der Peterbilt durchaus in der Lage gewesen wäre, den putzigen Valiant in den Güterzug reinzuschieben, aber vermutlich wollte die Katze noch ein wenig mit seinem Opfer spielen...

Schlussendlich zieht der Truck dann auch an seinem Opfer vorbei, nur um ein Stück weiter wieder am Strassenrand zu warten, während der Cumminsdiesel nervös sein Lied brummt und ungeduldig darauf beharrt, dass sein perfides Jagdspiel wieder weitergeht.

Ok...
Der Hauptdarsteller mit der komischen Hose lässt sich auch irgendwann auf die Konfrontation ein, das finale Duell beginnt, Menschen und Maschinen gehen an ihre Grenzen.

zuviel Öl? Wohl kaum...
Für den Plymouth geht das letzte Rennen allerdings nicht gut aus, er stirbt einen langsamen Heldentod. Kurz vor einer Passhöhe platzt ihm der Kühler, was den Fahrer sichtlich in den Wahnsinn treibt. Tja, hätte Mann nur mal den Hemi V8 geordert, dann wäre ihm das wohl nicht so schnell passiert. Aber, dann wäre der Film auch recht schnell vorbei gewesen und der Zuschauer hätte auf das fulminante Finale verzichten müssen, nämlich dann, wenn... Naja, kann man sich ja anschauen ;-).

Als ich den Film das erste mal gesehen habe, war ich etwa zwölf Jahre alt. Ich hatte mir damals auch schon den einen oder anderen Horrorschinken reingezogen (Poltergeist war gerade unheimlich in!), unter uns Jungs war das sowas wie eine Mutprobe, so einen Streifen bei zugezogenen Vorhängen anzusehen ohne wegzusehen. Dieses Geister- und Monsterzeug hat mich aber immer kalt gelassen, üäch! Im Gegensatz zu Duell, danach hatte ich tatsächlich eine unruhige Nacht. Dieser Streifen lebt davon, dass der Lastzug bis zum Rand voll ist mit hochoktanigem Alptraumbenzin, welches im Laufe des Films unbemerkt in den Zuschauer getankt wird. Trotz des kleine Budgets, dem etwas dünnen Schauspieler und den unpopulären Gefährten (bis dahin) ist das Roadmoviekino vom feinsten, gespickt mit dem heutzutage wieder ziemlich hippen Problem der Leute, jeder ist gehetzt und manchmal wacht man morgens auf und fühlt sich vom LKW überfahren.


Kommentare

  1. Das Radioprogramm ist doch super!
    "Ich spiele auf Fleisch", erklärt ein Musiker im Radiotalk am Anfang von Steven Spielbergs Lkw-Thriller "Duell" auf die Frage, was sein Lieblingsinstrument sei. (Zitat: TAZ)

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    1. Danke für den Hinweis, hab ich so gar nicht mitgeschnitten :-)

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