Motorisierte Hauptdarsteller - 6. Teil

Vorwort
Grosse Autos hatten in den USA immer auch die grosse Bühne. Die einen hatten dieses Privileg bei den Händlern, wo sie verkaufswirksam die vordersten Reihen der Showräume belegen durften. Einige wenige dieses Ikonen aus der Ecke der ungezügelten Pony-Cars bekamen auch einen Platz auf den Leinwänden in den Lichtspielhäusern dieser Welt. So auch ein Dodge, wenn nicht sogar DER Dodge neben dem von Al Bundy.

Aber hier gilt; Spoileralarm! (mit Hubraum statt Spoilern)

Vanishing Point


Entstanden ist der Streifen im Jahre 1971, die USA war vom Vietnamkrieg noch etwas gebeutelt und die Ära der Muscle- und Ponycars ging in die Endphase, kurz bevor man die Abgasvorschriften angezogen. bzw. überhaupt mal erfunden hatte. Damit bot sich die vermutlich letzte Möglichkeit an, einen dieser politisch unkorrekten Rennwagen für die Strasse mittels Originalmotorisierung in den Heldenstatus zu erheben. Gelenkt von einem anderen Helden...

Der Hauptdarsteller in Fleisch und Blut
Kowalski. Einen Vornamen braucht der Mann nicht. Während des Films wird mittels Rückblenden immer wieder mal Einblick in das Leben von Kowalski vor seinem Ritt gewährt, Kriegsveteran, Rennfahrer, Cop. Seine bewegte Vergangenheit scheint nicht spurlos an dem Mann vorbeigegangen zu sein, ein wenig kaputt kommt er daher. Und es wird auch nicht besser, während Kowalski immer wieder mal mittels Speed seinen Kopf wach hält. Vom ehemaligen Cop zum Vorzeigeoutlaw jener Zeit. Hemdsärmelig, schnell, gesetzeswidrig, immer auf Droge, aber nicht skrupellos. Der Roadtrip seines Lebens beginnt.



Der Challenger
Hemis geniessen seit jeher einen Ruf, der seinen eigenen Mythos mit sich bringt. In dem Film wurde jedoch wohl aus Kostengründen auf die etwas günstigere Variante mit dem 440er V8 aus dem Chrysler Regal zurückgegriffen, bei der materialmordenden Fahrweise nicht verwunderlich. Was aber nicht wirklich tragisch war, auch der 7.2L grosse V8 mit nominell 375PS ist nicht wirklich das, was man als untermotorisiert nennen würde. Zumal die Maschinen in der Leistung gerne etwas nach oben gestreut haben.

Werbung von damals. Buford T. Justice?

Neu.

Die Challenger jener Zeit waren mit ihrem für Muscle- und Ponycars typischen Bottleneck-Hintern in den schrillsten Farben zu haben, Hemi-Orange, Plum Crazy, Citron Yella oder Green Go waren nur einige der auffälligen Lackierungen, in denen die Challenger zu haben waren. Hier jedoch wurde auf ein (bzw. 8) weisse Exemplare zurückgegriffen, die meisten haben den Film natürlich nicht überlebt. Auch wurden zwei kleinere 383er zu Klump gefahren, auch hier; Money matters.

Damit sind wir auch schon bei den eindrücklichen Stunts. Wilde Ritte durch die Botanik scheinen einen Grossteil der Fahrt auszumachen.

Jump!

Jump again!

Der Film lebt von der Geschwindigkeit und dem Zeitdruck, unter dem Kowalski steht. Der eigentliche Masterplan war der, den Dodge von Denver nach San Francisco zu überführen. Jedoch, hierbei wird auch nur sehr wenig Rücksicht auf das Material genommen. Würde man heute einen Film in derselben automobilen Besetzung drehen und die Challenger so hart rannehmen, den Sammlern und Fans aus der Mopar Ecke würden die Tränen in die Augen schiessen. Mir auch.

Dennoch, ein Roadmovie dieses Formats fordert einen gewissen Tribut an das Blech. Das Kowalski früher oder später mit seiner Fahrweise an den Behörden aneckt ist vorprogrammiert. Das garantiert eine Menge Verfolgungsatmosphäre und noch mehr verbogenes Blech. Dass man die Akustik des handgeschalteten Challengers nicht unnötig mit Verfolgungsmusik überdeckt hat, finde ich persönlich wunderbar.

Pistolengriff.
Die verfolgenden Cops sind hier aber nicht grundsätzlich dämlich, tollpatschig und lustig, sie sind eher das Gegenteil. Vor allem aber sind sie sauer über das ausserordentliche Mass des Widerstandes gegen die Staatsgewalt, welchen Kowalski an den Tag legt. Nein, der Film ist nicht komisch und weit fernab von dem Klamauk der Hal Needham Filme.

Auch der Zweikampf mit anderen Outlaws wird zum kurzen Thema.


Kowalski lässt sich auf das Rennen mit einem bereits etwas ramponierten E-Type Jaguar ein. Und er zeigt sich als guter Gewinner. Als der Jaguar spektakulär von der Strasse in einen Fluss hinein abfliegt, dreht der Held auf Speed nochmals um, um zu schauen, ob sich sein Gegner nur das Ego oder dummerweise doch das Genick gebrochen hat.


Dieselbe "Fürsorge" zeigt Kowalski auch, nachdem er einen mopedisierten Streifenpolizisten von der Strasse geschubst hat. Er ist also kein Unmensch.

Auf seinem Trip von Denver nach San Francisco ist der Hauptdarsteller alleine, allerdings nie einsam. Sein Umgang mit der Polizei weckt die Aufmerksamkeit der Medien, namentlich von dem blinden Radiojockey "Super Soul". Dieser versorgt Kowalski via Radio auch mit Informationen über bevorstehende Strassensperren und hebt ihn auch bewusst in den Status des (letzten) amerikanischen Helden. Einer jener, der sich gegen die Autorität des Staates auflehnt und damit die Sympathie des Volkes für sich gewinnt. Und damit erhält er auch eine Menge Unterstützung seitens der immer noch existierenden Hippiekommune und von motorradfahrenden Nackedeien in der Wüste, da gibt es tatsächlich Schlimmeres. Sehr zum Leidwesen der Cops, welche den blinden DJ für sein Engagement bitter bezahlen lassen, was ihn aber nicht davon abhält, weiterhin seinen Sound und seine Botschaft an Kowalski zu verbreiten.

Absteigen mal anders, mit dem Lenker in den Nüssen.
So rast Kowalski seinem Ziel auch scheinbar unaufhaltsam entgegen. Jedoch, leider nur scheinbar. Hier kommt dann auch wieder so ein falsch geparkter Bagger ins Spiel;

Welcher Idiot hat den Bagger da hingestellt?

Die Baggerschaufel setzt dem Film sein überraschendes Ende. Und macht aus dem weissen Challenger einen Camaro. Wut?


Was mich als Zuschauer etwas verblüfft zurücklässt, allerdings nicht wegen dem Goof mit dem Camaro. Mit dem Schluss komme ich nicht so ganz klar und es scheint irgendwie, als ob alle Feierabend haben wollten und man sich dazu entschlossen hat, den Streifen mit einem Bagger zu beenden. Schade, ich hätte es gerne gesehen, wie Kowalski sein Ziel erreicht, ein Bier saufen geht, den Challenger durch die Waschstrasse schiebt und sich dann mal hinlegt. Ob der Held den Freitod gewählt hat oder ob ihm einfach nur die indirekte Lenkung der Autos jener Zeit einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, das lassen die Macher des Films den Zuschauer selbst entscheiden. Meeeh...

Trotzdem, der Streifen bietet neben der etwas düsteren Handlung eine Menge Geschwindigkeit und tolle Stunts. Der Challenger sicherte sich so seinen Platz in den Ruhmeshallen jener Autos, die sich eine Hauptrolle in einem Roadmovie ergattern konnten und sich somit ihren Kultstatus verdient haben. Nicht zuletzt deswegen sind die Preise für einen schönen 71er Challenger heute exorbitant hoch. Das Auto ist quasi ein A-Promi unter den Moviecars.  

Wir sind wieder in meiner virtuellen Garage. Sie ist schon ziemlich voll, neben dem DeLorean, dem TransAm, dem Plymouth Fury, dem platzfressenden Peterbilt 281, dem Bluesmobil... Aber, für einen weissen 1971er Challenger hätte es noch Platz, auf jeden Fall.

Leserfeedback

Danke dafür, den Streifen hatte ich schon fast vergessen, vor Urzeiten (30 J?) einmal gesehen und dann nie wieder.
 
Durch deinen Artikel wurde meine Neugier geweckt, wie das mit den Filmautos denn nun wirklich war. Am ergiebigsten sind meist Webseiten einheimischer Spezis, und da bin ich auf einen Artikel des amerikanischen Autojournalisten und Muscle-Car-Gurus Paul Zazarine aus dem Jahr 1986 mit dem Titel 'Kowalski's last drive' gestossen, der (fast) alle wichtigen Fragen beantwortet und darüber hinaus noch die eine oder andere Anekdote zum 'Making of' zum besten gibt.
 
Wenige Tage später stellte ich fest, dass es davon sogar eine deutsche Übersetzung gibt!
 
Kowalskis letzte Fahrt
 
Noch einige zusätzliche Infos zum Challenger, die ich interessant fand:
Die leistungsstärksten Maschinen (440 Magnum mit 375 PS, 440 Six-Pack mit 390 PS und 426 Hemi mit 425 PS) waren dem Challenger R/T vorbehalten, den 383 Magnum mit 335 PS gab es auch im 'normalen' Challenger.
Der R/T konnte als 4-Gang-Schalter oder 3-Gang-Automatik geordert werden. Die Bremsen waren wohl ein eher düsteres Kapitel, selbst die Power-Versionen hatten serienmässig rundum Trommeln, nur gegen Aufpreis waren Scheibenbremsen für die Vorderachse erhältlich. Bei einem Gewicht von fahrfertig über 1600 kg trägt das nicht gerade zur Entspannung bei. Aber wie heisst es doch so schön: Wer bremst, verliert :D
 
"Auf die Dauer hilft nur Power". Diesem Leitspruch wurde das schwächste Triebwerk der Motorenpalette sicher nicht gerecht. Ein 189er (3,2 l) Reihensechszylinder mit Einfachvergaser stellte schwindelerregende 101 PS bereit und war auch nur in der Challenger-Sparversion mit der Zusatzbezeichnung "Deputy" erhältlich. Anscheinend waren in jenen Tagen die Hilfssheriffs vom autotechnischen Standpunkt betrachtet die ärmsten Schweine, die sich mit einem Minimum an Leistung und Ausstattung zufrieden geben mussten. Die einzigen Fahrzeuge, die man bei einer potentiellen Verfolgungsjagd mit so einem Eimer erwischen konnte, waren vermutlich Traktoren und Krankenfahrstühle...
 
'Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier' wird wohl auch so mancher Kaufinteressent gedacht haben: Die 1970er Farbmusterkarte bot sage und schreibe 25(!) verschiedene Farbtöne zur Auswahl.
 
Noch kurz zu den Fahrleistungen: Die im Film verwendete Version (R/T 440 Magnum) sprintete unter günstigsten Bedingungen in 6,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h, die stehende Viertelmeile (wichtiger Wert für die US-Boys) wurde in 14,5 sec. absolviert, die dabei erzielte Endgeschwindigkeit betrug 175 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit lag in etwa bei 225 km/h (alle Werte für 4-Gang-Schalter).
 
Und der Verbrauch? Naja, von nix kommt nix, so um die 25 Liter pro 100 km musste man schon einplanen. 
 
Kommerziell war dem Auto kein grosser Erfolg beschieden, in fünf Jahren wurden insgesamt nur knapp 166'000 Stücke produziert, wovon 78'000 allein auf das Jahr 1970 entfielen. Davon waren ca. 18.000 Challenger R/T. Beliebteste R/T-Motorisierung war der 383 Magnum mit einem Anteil von ungefähr 2/3, der Rest entfiel auf die 440er und den extrem seltenen 426 Hemi, von dem nur 356 Exemplare das Werk verliessen.
Schon 1972 war Schluss mit den R/T- Versionen, und 1974 verschwand der Challenger ganz von der Bildfläche.
 
Mein Fazit:
Kowalski und der Challenger passen gut zueinander, denn: Beide sind (zu) spät dran und haben eigentlich schon am Start so gut wie verloren. Und sie passen nicht mehr in die beginnende neue Zeit, in der nun auch die Autos genauso sauber, leise und sparsam sein sollten wie ihre angepassten Besitzer.
 
Von daher finde ich den von einigen als unbefriedigend empfundenen Schluss ('Kowalski tot, Challenger tot') des Films nichts anderes als konsequent.

Quelle: brunsberg 

Danke brunsberg! :-)

Kommentare

Beliebte Posts