Chevrolet Tahoe 5.3 LTZ

Vorwort
Royal mit Käse klingt irgendwie nicht so nach Fullsize wie Quarterpounder with Cheese. Ersteres erinnert eher an einen edlen Europäer mit einem käsegelben Dach, nicht das, was wir uns für unseren Trip durch den Süden der USA gewünscht haben. Wir wollten den fettigen, ordinären und gehaltvollen Ami mit Bums und den Ausmassen eines Flugzeugträgers. Andere Präferenzen kamen erst im Laufe der abgespulten Meilen zum Vorschein, welche wir zukünftig nicht mehr missen würden, welche aber bei der Annahme am Mietwagenschalter schwer zur Sprache zu bringen sind, wie z.B. die Fähigkeit zur Schurbelei. Schurbelwas? Kommt noch...
 
Was denn?
Ein Chevrolet Tahoe mit einem 5.3L V8 den die Amerikaner mit dem Siegel "EcoTec" (Zylinderabschaltung) versehen. Was haben wir darüber gelacht. Die Konstrukteure wohl auch, wohl deswegen passen gute 100 Liter Sprit in den Tank. Das 355 Horsepower und 520Nm starke Triebwerk ist an eine 6-Gang Automatik (Schurbelmatik) geflanscht und entgegen der Geländewagenoptik lediglich mit Heckantrieb versehen. Völlig i.O. für die befestigten Wege, die wir gewählt haben, aber trotzdem etwas paradox für einen Kasten mit so viel Bodenfreiheit.
 
 




Laufleistung
Bei Abnahme 22'500 Meilen
 
Wie weit?
ca. 2800 Meilen  

Handbuch gelesen?
Nöp, war keins da.
 
Erster Eindruck
Was für ein herrlich ordinärer Schrank, in Europa eine unfassbare Verschwendung von sonst schon knappem Platz auf Strassen und Parkplätzen, im Sunshine State eine bestenfalls durchschnittlich dimensionierte Fuhre. Wir hätten auch noch die Wahl zu einem Ford Expedition gehabt (noch grösser), aber der V6 Ecoboost hat uns eher angewidert, zwei Kolben zu wenig.
 
Genau!
Blingbling darf natürlich nicht fehlen, alleine der Kühlergrill hat mehr Chrom als zwei aktuelle S-Klassen an der ganzen Karosserie, die Aerodynamik entspricht wohl einem Grillhäuschen und die hochglanzpolierten 20"er haben das fast-elegante Escheinungsbild passend abgerundet. Yayyy!
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP (nicht komplett abschaltbar), Traktionskontrolle (schurbeldienlich komplett abschaltbar), Totwinkelassistent (futsch), Bremsassistent und Kollisionswarner, aktiver Spurassistent, Rückfahrassistent, Hochleistungsvibratoren im Fahrersitz

Innenraum
Eine wahre Orgie an Leder, Plastik, Holzimitat, Ablagefächern, USB-Anschlüssen, potenten Bosehupen, Chromrändern, die Mutter aller Klimaanlagen, LED's und was weiss ich noch was die Herren bei GM noch alles in der Interieur-Wühlkiste gefunden haben. Sieht ein wenig aus, als ob man's nach der Montage noch zusätzlich aufgeblasen hätte.
 

 
Die vordere Reihe bietet alles, was das Roadtripperherz begehrt. Gute, klimatisierte und selbstverständlich mit elektrischer Energie verstellbare Sitze, ein griffiges Multifunktionslenkrad (elektrisch verstellbar) und gut ablesbare Armaturen (metrisch oder für den Flug zum Mond nicht-metrisch). Die Pedalerie ist ebenfalls elektrisch verstellbar.

hier hat so manch letztes Stündlein für einen Keks geschlagen.
In der zweiten Reihe finden sich für den europäischen Geschmack fast schon verschwenderisch anmutend zwei einzelne Sitze, welche sich elektrisch vom Kofferraum aus umklappen lassen, sollte man nicht ausprobieren wenn eine Schachtel Twinkies auf dem sitz liegt. Auf längeren Strecken sind die etwas zu kurz und zu dünn geratenen Armlehnen irgendwann unbequem, dafür entschädigt der Tahoe mit einer Beinfreiheit, die ich mir auf den Flügen in der Economy-Class wünschen würde. Die Sitze sind beheizbar, was wir aber aufgrund der vorherrschenden Temperaturen nicht ausprobiert haben. Die hinterste Sitzreihe bietet nochmal drei per Knopfdruck umklappbare Sitzplätze, den Platz haben wir aber fürs Gepäck benutzt.

prima Klima
Hinten gibt's für die Passagiere auch noch eine eigene Klimasteuerung bzw. Klimazone. Und diese Klimaanlage hat's in sich, wer Bock auf Nackenschmerzen hat, kann sich vom Dachhimmel her die Haare kalt föhnen oder vom Kofferraum her die Nieren tiefkühlen lassen. Hier finden sich auch 12V sowie für USA nützlichen 110V Haushaltsstrom. Das reicht, um hinten einen Tischgrill in Betrieb zu nehmen und unterwegs mal ein Steak oder ein halbes Schwein zu braten. Platz dafür ist jedenfalls genug da. In dem Ablagefach unten haben zwei 0.5L Flaschen ausreichend Platz. Gesamthaft lassen sich in der hinteren Reihe acht Flaschen irgendwo verstauen, wo man's gerade mag.   



Nein, wir haben die Schrankwand nicht ausgefahren, das gehört zu der Startanimation des Tahoe. Wie man sieht, sieht man alles. Und die Side Detection ist im Sand, was bei dem immensen toten Winkel des Tahoe doch etwas schade war. Dafür gab's vom Vermieter tatsächlich noch eine Gutschrift.  


Die vorderen Sitze sind beheiz- und kühlbar. Feine Sache, wobei wir nur zweiteres genutzt haben, warm genug war's auch so.


Nein, das ist nicht der bordinterne Mülleimer, sondern das Ablagefach der Mittelkonsole. Was nicht heissen soll, dass wir dieses nicht als Müllablage genutzt haben. So 20L sollten reinpassen, wir haben's in 10 Tagen nicht vollgekriegt.


Hier verstecken sich noch zwei Super-Size Becherhalter und ein Fach für ungeliebtes Hartgeld. Auch lässt sich hier noch die Klimatisierung für den Fond gesondert ansteuern oder aber sperren, falls die Kiddies auf dem Rücksitz alle fünf Minuten zwischen Südsee und Nordpol hin und her regeln sollten.  

sind wir schon da??
Ebenfalls für die Kleinen gedacht, der NSA-Spiegel mit integriertem Brillenfach. Damit bleibt nichts unbemerkt, was auf dem Rücksitz passiert, Pa und Mom sehen sofort, wer angefangen hat.  

Tesla wäre stolz!
Zumindest für mich sinnvoll, die QI-Ladestation. Handy raufpappen, wird mit kabellosem Strom geladen. Fein.

Hochwertiger Innenraum? Nicht überall. Es ist zwar alles robust und solide verarbeitet, aber die Materialien scheinen nicht gerade auf Langlebigkeit ausgelegt zu sein. Show and Shine halt, das dafür aber mit Konsequenz.

Die ersten Kilometer
Schon mal Boot gefahren? Nein? So müsste sich das ungefähr anfühlen. Mehr Vorderdeck als Haube und ein Lenkgefühl wie bei der Titanic. Wobei die Lenkung besondere Aufmerksamkeit bei allen Fahrern erregt hat. Wir waren uns alle einig, das ist die knackigste Lenkung die wir je in den Händen hielten. Nicht weil sie sonderlich zielgenau war (bwahahaa!), sondern weil schon bei wenig Einschlag ein weniger schönes metallisches Knackgeräusch aus der Lenksäule zu spüren war. Mietwagen haben's einfach nicht so schön.

Nach 10 Kilometern
Geht so langsam. Im Mietwagenparkhaus waren wir noch etwas vorsichtig unterwegs, aber kaum auf der Strasse schrumpfte unser Dampfer zu einem kleinen Gummiboot mit V8 Aussenborder. Von dem kriegt man übrigens nicht allzu viel mit, die Geräuschdämmung im Tahoe ist im krassen Gegensatz zur katastrophalen Rundumsicht hervorragend, wir hätten uns aber ein wenig mehr V8 Bollern gewünscht. Der Wunsch, in einem Homedepot eine billige Flex für die Auspuffoptimierung zu kaufen wurde des Öfteren geäussert, wir haben's dann aber doch gelassen.
 
Multimediaplunder
Nicht weniger als fünf mit dem Radio verbundene USB Anschlüsse, Bosebeschallung, 8" Touchscreen, Bluetooth, SD-Kartenslot und ein 3.5mm Aux-Eingang garantieren auf jeden Fall, dass man im Tahoe gute Unterhaltung von jeder möglichen Quelle hat. Allerdings, das Radio mochte keine multiple iOS Konnektivität. Aus unerfindlichen Gründen switchte das Radio dauernd zu einem ganz bestimmten iPhone und brüllte uns unvermittelt Ottos "aber bitte mit Sahne" entgegen. Obwohl das Lied gemäss Handybesitzer gar nie im Player war.

Nettes Gimmick, der Bildschirm lässt sich selbstverständlich elektrisch hochfahren, dahinter verbirgt sich ein grosszügig dimensioniertes Fach, in welchem sich ein iPod oder sonst eine USB Device andocken lässt. Alternativ kann man dort auch mal ein medium size Burgermenu mit Fritten einlagern. Oder eine zusammengefaltete Familienpizza.
 
 
Etwas arg tiefbasslastig spielte die Bosekapelle, auch auf Nullstellung der Bässe pumpte die Anlage mit extrem viel Druck in den Innenraum. Über alle Zweifel erhaben ist allerdings die Pegelfestigkeit, dafür haben wir vor 20 Jahren noch einige Nachmittage und eine Menge Kohle in unsere spätpubertären Gefährte investieren müssen. Es gibt Musik, die funktioniert einfach nur in laut.


Es findet sich auch noch ein WLAN Accesspoint im Chevy, welcher mit einer SIM bestückt wird und zumindest in den USA 4G Speed anbietet. Damit verbunden war auch der OnStar Onlinedienst, welcher mittels Smartphone App die Bedienung des Tahoes erlaubt. Leider war diese Funktion wie auch das Navi bei dem Auto aber nicht freigeschaltet, ich hätte da gerne noch ein wenig damit rumgetan und den Leuten von den Valetdiensten den einen oder anderen Streich gespielt. Schade.
 
Die Fahrt
Der grosse Chevy hat sich im Vergleich zu seinem langgezogenen Vorgänger etwas gewandelt. Geblieben ist die gewöhnungsbedürftige und etwas unpräzise Lenkradschaltung und das Gefühl, eine Schrankwand aus Massivholz über einen See zu schippern. Was auf den Strassen Floridas nicht unbedingt das Schlimmste ist. Apropos schlimm, verschlimmert hat sich das Verhalten des Fahrwerks bei kurzen Stössen von der Fahrbahn. Die immensen ungefederten Massen lassen den Tahoe holtern und poltern und das passt irgendwie so gar nicht zu der sonst so gediegenen Optik und dem leisen V8. 

Aber der Tahoe hat sowieso zwei Gesichter. Einerseits will er ein wenig europäisch rüberkommen mit einer akzeptablen Haptik und viel Sicherheitstechnik. Andererseits verleugnet er seine Herkunft auch nicht, zumindest wenn man ihn danach fragt. Und die Frage stellt sich folgendermassen; ESP/Traktionkontrolle aus, linker Fuss auf die Bremse, rechtes Pedal in den Teppich und dann zeigt der Chevy, wo der Frosch die Locken hat. Dass der ausführende Fragesteller dieses Vorgehen mit dem Wort Schurbeln benannt hat, fanden wir so witzig, dass wir damit den diesjährigen Running-Gag für unseren Trip bestimmt hatten. Versteht man wohl nur wenn man dabei war. Und damit haben wir auch einen Schurbelkönig gekrönt und eine Krone angefertigt. Was man in diesem Land nicht alles kann...

  
Der Chevy lässt sich also tatsächlich burnouten, was für ein Koffer in der 2.5 Tonnen Klasse durchaus Respekt verdient. Auch ein Einheimischer schien über diese Eigenschaft ziemlich beeindruckt; "Man, these Chevys are coming back to old life". Und der Mann wusste wovon er sprach. Er hatte schon eine Menge alte Chevys mit wenig Profil an der Hinterachse in den Fingern.

Zum entspannten Urlaubsalltag im Tahoe; Trotz des etwas ungehobelten Fahrwerks und der für europäische Verhältnisse eher komödiantischen Spurtreue hätten wir uns kein besseres Auto für unsere Pläne vorstellen können. Zu viert inkl. Gepäck bot der Dampfer mehr als ausreichend Platz, ja fast schon ein gewisses Mass an Privatsphäre für jeden einzelnen Passagier. Zwischen den beiden hinteren Sitzen war immer genügend Raum für ein paar Walmarttüten voll mit Chips und Keksen und ein paar Getränke. Damit waren wir also immer bestens bedient für einige hundert Meilen am Stück oder auch nur den Weg zum nächsten Steakhouse oder Frühstück. Der V8 hat ausreichend Druck und das Getriebe schaltet sogar für europäische Verhältnisse recht flott aber trotzdem sanft. In den sonnigen Gefilden von Florida kann man getrost auf die Lenkradheizung und die ebenso beheizbaren Sitze verzichten, dafür scheint die Klimaanlage aber von einem anderen Stern zu sein. Innert weniger Minuten war der Innenraum auf angenehme Temperaturen runtergekühlt und unterstützte das entspannte Reisen im gefälligen Innenraum. Auch die Bedienung des Chevys war kein Rätselraten fernöstlicher Natur, sogar für uns flipfloptragenden Dumpfbacken war das Lesen eines Handbuchs hinfällig.


Auch Sicherheitstechnisch hat der Tahoe einiges zu bieten. Mittels einer Vibratorenarmada im Fahrersitz melden abwechselnd der Spurwarner, der Kollisionsassistent und sogar die Parkdistanzkontrolle potentielle Kaltverformungen rechtzeitig an. Wer den Chevy nahe genug an einem Hindernis parkiert kriegt auch gleich noch kostenfrei eine Hinternmassage, bei anderen Herstellern muss man sich da erst durch diverse Menüs wühlen. Weniger sicher erschien uns allerdings die Bremse, welche etwas unterdimensioniert daherkam. So lernten wir auch den Kollisionswarner kennen, welcher einerseits mittels Vibrieren im Sitz, andererseits mit einer Blinkorgie via Head-Up LED's in der Frontscheibe die drohende Kollision ankündigte.

Lenkpräzision ist für den Tahoe eine Eigenschaft, die er bestenfalls beim Parken vorweist. Bei Highwaytempo hat man idR zwei Möglichkeiten; entweder man korrigiert ständig die Richtung oder man lässt sich vom aktiven Spurasisstenten wieder in die Fahrspur schubsen, das passiert mittels einem dezenten Bremseingriff. Und das funktioniert wesentlich besser als bei meiner Zehklasse.

Spass hatten wir an der Schurbelmatik, den zig Ablagefächern für Handys, Flaschen, Chips, Keksen, Kameras und Karten, der wattstarken Bose Anlage sowie an der sowieso vollen Hütte. Der V8 ist einer der dezenten Sorte, kann aber auch mal einen auf Krawall machen. Und der Durchzug ist sowieso über alle Zweifel erhaben, es geht einfach nix über Hubraum. Parken ging dank Kamera mit Hilfslinien, Piepsern und vibrierendem Sitz überraschend einfach und man mag es kaum glauben, aber der Tahoe ist erstaunlich wendig mit einem Wendekreis von knapp 12 Metern. klingt nach viel, aber ein aktueller X5 braucht da fast nochmal einen Meter mehr Platz. Und ein aktueller 7er Golf braucht auch seine 11 Meter.

Ich mochte den Tahoe auf den Strassen des Sunshine State, er war praktisch, hatte die obligatorischen acht Zylinder und er liess sich auch über Stunden hinweg ermüdungsfrei durch den Verkehr zirkeln. Dass er sich dabei ordentlich einen zur Brust genommen hat war uns wurscht, wir kamen nicht wegen dem Eco-Mode und die Gallone (3.78L) Fusel kostete sowieso nur 2.17$. Gerne wieder.
 
Fazit
Der 2015er Tahoe ist nicht so schlecht wie sein Ruf hierzulande sein mag. Er bietet eine Menge(!) Ausstattung, gute Langstreckenqualitäten und eine gehörige Portion Unvernunft, fernab unserer diesellastigen Mentalität hierzulande. Seine Grösse will er gar nicht so verkrampft kaschieren wie manch anderer seiner europäischen Mitbewerber. Das liegt natürlich am Zielmarkt USA, dort möchte man sein Auto ja eher gefühlt grösser, als es tatsächlich ist. Und dort punktet der Tahoe auf seine Weise. Schiffiges Fahrverhalten mit Poltertendenz, verpackt in viel Chrom, Blech und Leder sowie einer Menge elektrischer Spielereien. Und... 
 

Kaufen?
Die Amis machen sich langsam, auch wenn der Rückstand auf die Europäer noch deutlich spürbar ist, wird er zusehends kleiner. Dass der Tahoe auf dem hiesigen Markt nur via Import zu finden ist macht Sinn, einerseits ist Chevy sowieso fast komplett aus den europäischen Märkten verschwunden, andererseits würde sich der Tahoe hier aufgrund seiner Ausmasse schwer tun. Kein Aldiparkplatz, keine Waschanlage und auch keine Reihenhausgarage packt den fetten Chevy ohne Kompromisse. Wie auch den GMC Yukon würde ich den Tahoe für die hiesigen Strassen nicht unbedingt haben wollen, aber "drüben" funktioniert er uneingeschränkt gut und gemessen an den Verkaufspreisen stimmt auch das Gesamtpaket.
 
 

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