Honda HR-V 1.6L i-DTEC
Vorwort
Es gibt ja Hersteller, die sind seit Jahren am Markt, mehr oder minder frei von grösseren Skandalen und Rückrufaktionen und auf den Strassen trotzdem nicht so präsent, wie man vermuten möchte. Honda gehört für mich da dazu, sie bauen seit je her zuverlässige, robuste Autos und sind trotzdem alles andere als stehengeblieben, wenn es um Innovationen und mutige Ideen geht. Daher freue ich mich immer wieder, wenn ich zwar selten aber doch ab und zu einen dieser japanischen Mitteklassewagen fahren darf.
Was denn?
Ein Honda HR-V 1.6L i-DTEC Föhndiesel mit 120PS und 300Nm. Sechs Gänge, handgerührt und selbstverständlich mit Frontantrieb.
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gefällige Front |
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ungefälliges Heck |
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Oje. |
Laufleistung
4500km.
Wie weit?
ca. 30km.
Handbuch gelesen?
Nein, war nicht nötig.
Erster Eindruck
Noch ein SUV, auf den die Welt nicht gewartet hat. Optisch ist der HR-V ja nicht unbedingt der Kracher, vor allem das Heck mit den überdimensionalen Rückleuchten ist ein designtechnischer Schuss in den Ofen. Da hatte Honda schon mal ein besseres Händchen...
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, "intelligenter" Geschwindigkeitsbegrenzer
Innenraum
Innen bietet der HR-V eine positive Überraschung. Er ist nämlich nicht ganz so futuristisch designt wie seine Konzernkollegen und man ist hier nicht ganz so wilde Experimente eingegangen wie z.B. beim letzten Civic.
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So ist die Anordnung der wichtigsten Bedienelemente hondauntypisch überall dort, wo man sie am ehesten auch vermuten würde. Das dicke Lenkrad liegt sportlich griffig in der Hand und die Materialien sind der Fahrzeugklasse entsprechend wertig. Zwar alles etwas arg schwarz, das aber wird durch ein paar wenige Chromapplikationen dezent aufgelockert. Die Bedienung von der Klimaanlage erfolgt über Touchtastenfelder, was zwar schick aussieht, aber den Dreck anzieht wie der Mist die Fliegen. Dasselbe gilt für die gefällig geschwungene Mittelablage, welche ebenfalls flächendeckend mit Hochglanzplaste eigedeckt ist.
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Was man schon bei VW im neuen Passat gesehen hat; eine durchgehende Lüftungsdüse für den Beifahrer. Damit lässt sich auch unterwegs mal schnell eine 80er Jahre Föhnwelle in die Frisur zaubern oder ein nasser Hamster zügig trockenföhnen.
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Lob verdienen die Sitze. Trotz des eher gemächlichen Charakters des Motors sind sie sportlich geformt, aber nicht zu hart für empfindliche Turnbeutelvergesser und Fitnesscenterschwänzer wie mich. Der HR-V und ich hatten zwar nur auf kurzer Strecke das Vergnügen miteinander, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Sitze durchaus auch für die lange Strecke gut sein könnten. Dazu trägt auch die angenehme Sitzposition bei. Ziemlich praktisch, die Rücksitzbank lässt sich wie ein Kinosessel hochklappen und gibt damit eine Menge Platz auf dem Fahrzeuginnenboden frei. das schafft Platz für Bierkästen, Blumenkisten oder den spontanen Kaufrausch bei Ikea.
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Auch erfreulich normal; die Armaturen. Endlich mal gut ablesbar und nicht auf dem ganzen Armaturenträger verstreut, als hätte man alles nach dem Zufallsprinzip angeordnet. So ganz konnten sie's aber bei Honda doch nicht lassen, der Tacho hat so etwas wie einen 3D Effekt. Brauchts zwar nicht unbedingt, ist aber nett gemacht.
Die ersten Kilometer
Ach Dieselmotor, wir werden in diesem Leben einfach keine Freunde mehr. Die Maschine ist zwar im Innenraum nicht unangenehm laut, aber dennoch hört man schon dass hier ein Selbstzünder am Werk ist. Dieselig knurrend unter Last, etwas brummig im Teillastbereich.
Nach 10 Kilometern
Ok, so langsam geht's. Warm ist das Triebwerk von der eher dezenteren Sorte. Was aber nicht verschwindet, ist die etwas unharmonische Leistungsentfaltung, erst kommt nix, dann fällt die Maschine für gefühlte 500 Umdrehungen über die Vorderräder her und dann ist aufgrund des Mangels an Drehfreude wieder nix los.
Multimediaplunder
Hier geht Honda keinen eigenen Weg. Das Honda Connect System bietet jene Konnektivitäten, welche heutzutage in einem Mittelklasseauto en Vogue sein sollten. Weniger en Vogue fand ich das hier ebenso verwendete Konzept der ausschliesslichen Touchbedienung. Selbstverständlich lässt sich auch fast alles über das Multifunktionslenkrad bedienen, was im Fahrbetrieb sowieso die sicherere Lösung ist. Aber für gewisse Dinge kommt man um das Geschmiere auf und neben dem grossen und gut ablesbaren Display nicht rum. Pfäh.
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Klingen tuts im HR-V japanisch. Nicht überragend, etwas dröhnig, aber unterm Strich für diese Fahrzeugklasse OK.
Das Connect System bietet noch ein paar Gimmicks, dazu gehören natürlich auch Apps. Ohne Apps geht man heute ja nicht mehr vor die Tür und da macht auch der HR-V keine Ausnahme. Wozu man im Auto auch noch eine Fratzenbuchapp benötigt, entzieht sich meiner Kenntnis. Posted via Honda Connect, gesendet von meiner Zahnbürste, Mikrowelle updated his Status, als nächstes kommt vermutlich die Selfiecam im Innenspiegel und Instagram für die Rückfahrkamera. #dumbeststuffonwheels
Die Fahrt
Wir hatten ja nur ein kurzes Techtelmechtel, der HR-V und ich. Wenn der Diesel mal warm ist, fährt sich das Auto frei von meinen üblichen Dieselmeckereien. Das Fahrwerk ist limousinentypisch abgestimmt, die Lenkung ist direkt mit einem Hauch Restgefühl und die Schaltung leistet sich ebenfalls keine negativen Ausreisser.
Anfangs fand ich die Verkehrsschildererkennung mit dem dazugehörigen "intelligenten" Geschwindigkeitsbegrenzer noch praktisch. Dieser gongt den Fahrer bei Überschreiten der signalisierten Höchstgeschwindigkeit dezent an und das Multifunktionsdisplay im Tacho wechselt gut sichtbar in die Farbe Orange. Wie gesagt, anfangs fand ich das noch ein voll nützliches Feature. Mit der Zeit aber fängt das System aber etwas an zu nerven. Vor allem dann, wenn man ja eigentlich nur mit dem Verkehr mit schwimmt und halt so schnell fährt wie alle anderen, man will ja den Verkehrsfluss nicht unnötig aufhalten. Dafür gibt's ja schon alle 100m zahllose Bushaltestellen. Und so kann es halt auch mal vorkommen, dass alle anderen ein paar km/h zügiger unterwegs sind wie signalisiert, was im Honda heisst, auch du fährst zu schnell mein Freund, GONG! Man wünscht sich hierfür dann eine einfache Mute-Taste oder eine andere Möglichkeit, diesen übereifrigen Assistenten zumindest für ein paar Minuten zum Schweigen zu bringen.
Wo der HR-V glänzt ist im Fahrgefühl. Es gibt Autos, da fährt man hunderte Kilometer und fühlt sich irgendwie doch nie richtig wohl darin. Und dann gibt es Autos wie den HR-V, in dem fühlt man sich bereits nach 100m wohl und entspannt. Und dann hat man auch dieses missglückte Heck vergessen.
Der Antrieb ist keine Offenbarung, die 120PS und 300Nm sind für den rund 1400kg leichten HR-V mehr als ausreichend. Ich hätte mir aber eine etwas harmonischere Motorisierung gewünscht. Das üppige Drehmoment wird als fette Packung im Schnellverfahren geliefert und verschwindet ebenso schnell wieder in den Regionen oberhalb von 2500 Umdrehungen. Dort quält sich der Motor eher und ruft nach der nächsten Fahrstufe. Damit lässt sich der HR-V zwar angenehm schaltfaul fahren, erwürgt aber die leicht sportlichen Attribute von Lenkung und Fahrwerk mit Vehemenz. Schade, denn der HR-V macht eigentlich noch Spass im Stadtverkehr, er fühlt sich wendig und überraschend kompakt an.
Wie bei allen diesen kleinen, meist weissen SUV's ist auch der HR-V kein Auto, dass man gerne rückwärts parkt. Die Sicht nach hinten ist wegen der breiten C-Säule und des lächerlich kleinen und hohen Gucklochs im Heck so gut wie zerozero. Das ist etwas, dass sich Honda mal auf den Zettel schreiben könnte, da waren auch die beiden Civics keine Ausnahme. Eine Rückfahrkamera würde hier Sinn machen, war aber in dem Auto nicht verbaut. Unbedingt Kreuzchen machen auf der Aufpreisliste!
Im Vergleich zum Klassenkameraden aus dem Hause Hyundai, dem Tucson, schlägt sich der HR-V in fast allen Belangen besser. Er fährt sich vertrauter, er hat den wertigeren weil schlichteren Innenraum und er fühlt sich einfach mehr als robustes und zu Ende gedachtes Auto an. Die Unterschiede zwischen den beiden sind marginal aber dennoch vorhanden. Hätte ich heute die Wahl, ob ich den HR-V oder den Tucson für eine Fahrt nehmen sollte, ich würde mich für den Honda entscheiden.
Fazit
Der HR-V ist in vielen Bereichen ein typischer Honda. Er ist robust, durchdacht und fährt sich trotz des SUV-typischen hohen Schwerpunktes erfreulich limousinenhaft. Gerade der Innenraum ist in Summe gefällig und praktisch, abgesehen von dem Touchkonzept der Mittelkonsole. Das Design aussen ist so überhaupt nicht meins, vor allem das Heck treibt mir die Tränen in die Augen und das Schütteln in den Kopf. Das ist allerdings Geschmackssache und schliesslich sieht man das Auto von aussen ja nicht, wenn man damit fährt. Abgesehen von der fragwürdigen Sinnhaftigkeit eines frontgetriebenen SUV's ist der HR-V ein gutes Auto ohne störende Ecken und Kanten mit guten Fahreigenschaften. Zweifellos; ein Honda wie jeder andere und das ist dann auch gut so.
Kaufen?
Wie mit vielen anderen Hondas kann man hier nicht so viel falsch machen. Zurück bleibt nur der für mich nicht passende Diesel, die schlechte Sicht nach hinten und das missglückte Heck. Der Rest ist stimmig, durchdacht und fair bepreist. Der HR-V kommt nicht unbedingt viel günstiger, aber keinesfalls teurer daher wie die Mitbewerber aus Europa. Auf demselben Preisniveau liegen nur noch die Koreaner, die können aber gerade beim Qualitätseindruck noch nicht so ganz mithalten.