CES 2016 - ein Blick in die Zukunft

 
Vorwort
Wenn man die aktuellen News über die CES, also die Consumer Electronics Show liest, fällt eines auf. Keine Flüchtlinge, aber dafür überall Autos. Und alles wird besser, schneller, einfacher, bunter, sicherer, onliner und vor allem noch geiler. Willkommen in der schönen digitalen Welt.

Das Smartphone im Lenkrad
Was habe ich darauf gewartet. Endlich können diejenigen, welche keine Whatsappnachricht fünf Minuten unbeantwortet lassen können, ihren unabkömmlichen kommunikativen Pflichten nachgehen, ohne die Hände vom Lenkrad nehmen zu müssen. „Hallo Schatz, hat’s noch Hackbraten von gestern?“ oder „Nein, ich weiss nicht was der Hund gefressen hat und weswegen er jetzt die ganze Bude vollreihert. Hast du ihm den Hackbraten von gestern zu fressen gegeben??“. Also solche Dinge, für die man heute schon gerne mal sein und das Leben anderer riskiert. Und danach gleich noch auf Facebook rauf und posten: “So ein hässlicher Intelligenzpazifist hat mich gerade geschnitten!“. Alles während der Autofahrt. Was ich allerdings noch nicht so ganz verstehe ist, wie dieser kuschelige Luftsack im Lenkrad danach noch funktionieren sollte. Auffahrunfall, Zack, Handy durchs Hirn geschossen und schon kann man freihändig die Stadlshow moderieren. Ne. Die Idee ist dann doch nicht so gut.
 
Endlich mal im Auto vögeln!
 
Apple Car Play – Android Auto
Was habe ich darauf gewartet. Ich kann mein Handy auf den 42“ Multifunktionstacho im Armaturenbrett kabellos raufspiegeln und kann damit die Akkulaufzeit dieses ach so smarten Geräts um weitere zwölf Stunden reduzieren. Damit geht keine SMS, kein Facebookpost und keine lebenswichtige Twitternachricht von Andy Borg mehr an mir vorbei. Endlich kann ich meine volle Aufmerksamkeit der Online Community widmen und muss mich nicht mehr diesen langweiligen Verkehrszeichen und anderen Verkehrsteilnehmern widmen. Ich kriege nicht mal mehr mit, wenn ich jemand anders fast von der Fahrbahn abdränge, kann aber dafür dreissig Sekunden später auf Tachofacebook lesen: „So ein hässlicher Intelligenzpazifist hat mich gerade geschnitten!“. Like drauf und hashtag: #niemandkannmehrautofahren. Bis zur nächsten Ausfahrt zieh ich mir gleich noch das "Oh Long John" -Katzenvideo rein und bestell mir einen USB-Stein auf Amazon.
 
So spät schon?
Das digitale Armaturenbrett
Was habe ich darauf gewartet. Endlich kann ich Herr der Ringe in 4K auf meinem Weg zur Arbeit im Tacho kucken. Oder Bob Ross, wie er viele kleine, wunderschöne Fehler auf eine Leinwand kleistert. Das ist endlich mal ein Gewinn durch Technologie. Auf diesen Displays können dermassen viele Informationen dargestellt werden, dass der Film vor der Windschutzscheibe endgültig zum langweiligsten Streifen aller Zeiten erklärt werden kann. Zwar interaktiv, in 3D und mit geiler Grafik, aber miese Handlung und noch miesere Stunts. Früher war es OK, wenn man im Lenkradkranz die Geschwindigkeit, Tank, eine Uhr und Temperatur des Motors ablesen konnte. Das war und ist immer noch sehr wichtig, möchte man dann auch rechtzeitig und einigermassen zuverlässig zum Diaabend von Onkel Horst und seinem dreimonatigen Trip durch die Massagesalons von Bangkok da sein. Mit dem digitalen Tacho ist das alles obsolet, Onkel Horst kann die Bilder gleich per Facebook posten und ich kann sie mir in der Garage oder auf der Fahrt zum Notfallurologen ankucken. Dass ich dabei vermutlich mit einem Panzer zusammenstosse wird dann auch nur halb so schlimm sein, weil aus meinem Armaturenbrett gebrüllt wird:“ DU! Kannst nicht vorbei!“. Mit 1200 Watt und in Dolby Digital. Sowas macht den Autounfall zum exklusiven Event. Like und ab damit auf Instagram, bevor mich die Feuerwehr unter dem Panzer hervorklempnert. 
 
Je mehr Display, umso besser.


Vernetzung von Smartphone / Auto / Internet of Things
Was habe ich darauf gewartet. Das Internet der Dinge hält auch im Auto Einzug und geisselt dafür mein Smartphone und dessen Internetverbindung, um mir das Leben leichter zu machen. Ich kann via Sprachassistent auf Facebook posten: „Überall Idioten auf der Strasse!“ Wobei dort dann steht „Grünzerfall die Lofoten auf der Strafbank Ausrufezeichen.“. Was aber immer noch gut ist für einen Like und einen Kommentar von Onkel Horst:  
Danke Horst. Wusst ich noch gar nicht.

Dank eines Emotionssensors im Innenspiegel weiss mein Auto aber trotzdem bestens Bescheid, ich habe gerade keinen guten Tag und reicht das gleich brühwarm an meine Krankenkasse und mein Handy weiter. Und dieses nimmt natürlich sofort Kontakt mit meinem trauten und voll vernetzten Heim auf. Nach ca. zwölf Gibabyte verbrauchtem Datenvolumen und 1700 Euro Handykosten kann ich aber sicher sein, dass mein Kühlschrank zu Hause weiss; „Oh, der ist heute wieder Assi, ich schick seiner Angetrauten schon mal ne SMS, sie soll doch gleich ein kaltes Bier aufmachen, drei Doppelkorn daneben stellen und sich für ne Stunde ins Bad verziehen“. Und meine sowieso voll automatisierte Hütte macht den Rest. Licht runterdimmen, Heizung aufdrehen, Jalousien runter und Musik von Chris de Burgh auf die Anlage. Allerdings, auch diese Systeme sind meiner Meinung sicherlich noch nicht von Fehlinterpretationen gefeit. So rufe ich (definitiv) irgendwann, erbost über den beherzten Tritt eines Fahrradkuriers in meinen Kotflügel „verdammte Scheisse nochmal!“. Und zu Hause schaltet 40 Millisekunden später mein Fernseher ein und es läuft eine Aufzeichnung von "Berlin Tag & Nacht" auf RTL2. Auch wenn ich gerade 700km nördlich unterwegs bin. Das hebt meine Stimmung definitiv nicht. Und mein Hund kotzt mir zu Hause wieder ein gutes Pfund Hackbraten auf den schönen Flokati. Schönen Dank auch.
 
Die zukünftige Bierintelligenz.

Das Auto per Gestensteuerung bedienen
Was habe ich darauf gewartet. Endlich brauche ich nicht mehr die Hornhaut von meinen Fingern zu raspeln, weil dieses Drücken von Tasten und Drehen von Knöpfen dazu führt, dass ich langsam aber sicher Griffel aus Leder kriege. Ich brauch nur noch eine ganz bestimmte, nach DIN genormte Fuchtelei im Auto auszuführen und schon wechselt der Radiosender auf Radio Peking. Oder das Navi sucht den nächsten Erlebnisfriedhof. Nur, wie soll das gehen? Muss ich jetzt mit erhobenem Zeigefinger einen Bierhumpen in die Luft zeichnen, wenn ich Musik von Mickie Krause hören will? Oder wenn mich mein Navi zum nächsten Mäcces lotsen soll, wie zeichnet man einen lauwarmen Burger und Fritten mit der Konsistenz von öliger Pappe in die Luft? Ne, wenn ich mir das so recht überlege, ist mir das noch zu kompliziert. Was nützt es mich, wenn meine Finger eine Haut aus Seide zu haben scheinen, ich aber dafür einen schlimmen Tennisarm habe, nur weil ich meinem Auto klarmachen will, dass ich gerade Lust auf die komplette Herr der Ringe Triologie habe und es einfach nicht schaffe, halb Neuseeland in die Luft zu fingern? Und überhaupt, wie sieht das denn aus, wenn ich gerade kein Bock auf ein Gespräch mit Andy dem Kackspaten Mitchell habe, dabei von rechts nach links winke und der Postbote am Strassenrand denkt, er könne jetzt gefahrlos über die Strasse gehen? Da kommt die Post in Zukunft aber noch öfters noch zu später. So mancher Postbote wird wortlos unter einem Auto verschwinden.
 
Dem Andy eine scheuern um den Anruf abzulehnen. Spitzenidee!

There’s an App for that!
Was habe ich darauf gewartet. Endlich gibt’s die Scheibenwischer-App im Jamba Sparabo und gratis dazu gibt’s den maccarenafurzenden Mopedfrosch. Kein lästiges Fummeln mehr am Hebel. Nur noch das Handy auf den 42 Zoll Tacho spiegeln, App runterladen, 25 Euro per paypal überweisen, die Lizenzbedingungen aufmerksam durchlesen, das Telefon mit dem Auto authorisieren, einen In-App-Kauf für 6,95 Euro für die nicht kompatiblen Wischerblätter von Bosch tätigen, alles zusammen kalibrieren und dann feststellen, dass seit zwei Stunden die Sonne bei 30°C auf die Haube ballert. Wieder zurück in den App-Store, zwölf gefakte Schiebedach-Apps runterladen, das Handy nach einem OS-Update neu starten und gleich mal Winterreifen bestellen. Denn plötzlich liegen 20 Zentimeter feinster Schnee auf der Motorhaube und die Wischerblätter haben spontan die Farbe senfgelb angenommen. Genervt den Motor per Sprachbefehl starten und dann hallt es mit Mark Zuckerbergs Organ aus dem Handschuhfach hervor: “Updates müssen installiert werden!“. In Mandarin. In Endlosschlaufe. Danach weitere zwei Stunden zukucken, wie ein Fortschrittsbalken quer über das digitale Armaturenbrett wandert, nur um dann nochmal knappe sechs Stunden bei 99% zu verharren. Unterdessen stehen zu Hause zwei kalte Weissbier und eine Flasche Korn auf dem Wohnzimmertisch und die Frau ist mit einem guten Freund für zwei Wochen in den Schwarzwald zum Wellnessen gefahren. Er hat nen alten Kadett. Läuft.
 
Ach...,
was soll man sagen, der technische Fehltritt ist nicht aufzuhalten. In ein paar Jahren werden sicher einige dieser Ideen Einzug in den automobilen Alltag halten. Wir werden Gigabit Ports in den Garagen brauchen, weil die Autos onlinesüchtiger sein werden, als es der Mensch je sein wird. Pickelhäutige Hacker werden sich in unseren Gefährten austoben und mit Onkel Horst‘ seinen Bildern Handel im Internet betreiben. Und sie werden uns während der Fahrt die Schnürsenkel zusammenbinden, mit der 360° Kamera filmen, wie wir uns auf die Fresse legen und den Scheiss auf Youtube hochladen. Eine Fahrprüfung wird es dank dem autonomen Fahren irgendwann auch nicht mehr geben. Dafür muss man aber innerhalb von dreissig Sekunden einen kompletten Roman von Kant in Suaheli in Whatsapp reintippen und gleichzeitig per Gestensteuerung den Ententanz, gesungen von Stefan Raab via Spotify ins Auto streamen können. Wer das schafft, darf ein Auto bedienen. Mir ist das aber ehrlich gesagt alles Banane, Hauptsache mein Kühlschrank hat meine Kreditkartendaten sicher verwahrt, um genügend Bier ins Haus zu schaffen und der Flokati schickt mir ne Mail, wenn der Hund wieder auf ihn draufgekotzt hat.

Kommentare

  1. Man freut sich jedesmal nach der Arbeit einen Beitrag von der Ente zu lesen. => zum Glück schreiben die Schweizer Deutsch - auch wenn's die meisten nicht sprechen.

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