BMW 318d Touring

Vorwort
Diesel. Heizöl. Salatöl. Mit all diesen schmierigen Substanzen lässt sich ein Verbrennungsmotor mehr oder weniger effektiv betreiben. Aber macht das auch Spass? Wer mich kennt weiss, ich werde nun wieder drauf rumreiten, ein Diesel macht aus Prinzip keinen Spass und bla bla, bla bla. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass keine wirklich gute Benzingeschichte damit anfängt; "Der Zweiliterdiesel...". Genau sowenig dass das Rezept für ein exquisites Gericht damit anfängt; "Nehmen sie einen Liter Salatöl...". Ok, man muss zugeben, dass moderne Dieselmotoren ja schon gut marschieren, fast jeder 2.0er Föhndiesel geht über die 200. Aber das ist für mich schlussendlich nur viel Tacho, aber kein Karacho. Drehmoment Porno, Emotionen Storno. Oh mein Gott, ich hör mich schon an wie Det Müller, ich hör ja schon wieder auf mit dem Dichten.
 
Was denn?
Ein BMW 318d Touring, Sechsgang-Handschalter mit 150PS und Heckantrieb.




Laufleistung
Achtunddreissigtausend Kilometer.
 
Wie weit?
ca. 140km, grösstenteils über Land und den Berg hoch und runter.
 
Handbuch gelesen?
Ihr werdet überrascht sein, aber nein.
 
Erster Eindruck
"Guten Tag, ich vertrete die Türklinkenputzmittel AG". Auch wenn die Farbe die meiste Schuld daran trägt, aber dieser 3er ist so aufregend wie, naja, wie eben ein Liter Salatöl.
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Start/Stoiber Automatik.   
 
Innenraum
BMW mag keine grösseren Überraschungen was die Gestaltung ihrer Innenräume anbelangt. Böse Zungen behaupten, dass es im Innern der BMW's seit Jahren immer gleich ausschaut. Und den Eindruck kann ich eigentlich bestätigen, abgesehen davon, dass dieser Eindruck auch mich immer wieder täuscht. Die Ergonomie mag seit Jahren dieselbe sein und das finde ich persönlich gut, sie gehört nämlich zu den besseren Konzepten am Markt und ist wirklich zum Fahrer hin orientiert. Auch die Materialien werden immer besser, mit jeder Modellpflege etwas filigraner. Und überhaupt, so ein 3er passt einfach wie ein guter Schuh. Eng liegt er an, dank den straffen und an den Nieren anpassbaren Sitzen. Und kein Wunder, im 135er finden sich nach erster Sichtkontrolle die identischen Sitze wieder.
 

Das Lenkrad war leider gar nix, ziemlich hart umschäumtes Standardlenkrad, aber da gibts meines Wissens auch etwas griffigere, angenehmere Volants von BMW zu haben.

 
 
Die ersten Kilometer
Also, ich hab mir den 3er regelrecht umgeschnallt, stelle fest dass sich das Auto schon im Stand tatsächlich sehr sportlich anfühlt und dann das. Ein kalter Vierzylinderdiesel nagelt den Sarg zu meiner Vorfreude auf die Fahrt ins verwinkelte Appenzellerland gleich zu. Find ich gemein.
 
Nach 10 Kilometern
Mittlerweile, auf einem kurzen Stück Autobahn, scheint der Dreier seine Wohlfühlzone gefunden zu haben. Von der warmen Maschine ist fast nix zu hören und die Musi spuit irgendwas Belangloses aus den aktuellen Charts.

Multimediaplunder
Wo wir gleich bei der Unterhaltungsindustrie wären. Diese findet ihren Weg in den 3er über das bewährte, wenn auch für mich manchmal etwas unverständliche "Business Navigation"s-System. Die Bedienung über Drehrad und ein paar zusätzlichen Tasten verlangt nach etwas Gewöhnung und Toleranz. Für mich war die Fahrt etwas zu kurz um mich endgültig daran zu gewöhnen, aber ich halte es nicht für unmöglich, dass ich das System auch irgendwann lieb hätte, würde ich nur lange genug damit rumspielen.  
 

 
Klangtechnisch muss ich dem 3er ein glattes "Ungenügend" geben. Auch wenn es sich bei der Lautsprecherbestückung um nichts aufpreispflichtiges gehandelt hat wäre es trotzdem nett gewesen, wenn das alles nicht klingen würde wie anno 1995 in einem Toyota Corolla mit Pioneer Sticker auf der Heckscheibe.  
 
Die Fahrt
Tja, was nun. Es regnet in Strömen, selbst eine feuersbrünstige Apokalypse hätte keine Chance und würde nach fünf Sekunden wortlos im nächsten Gulli verschwinden und damit vorbei sein. Zum Glück kann ich runter von der Autobahn und rauf auf die Landstrasse. Ich mag gerne noch rausfinden, wie sich der Dieseldreier denn verhält, wenn man ihn in den Sportmodus zwingt und das ESP mal kurz vor die Tür schickt. Denn tatsächlich, dieses Auto hat eine Sporttaste und eine ESP-Off Taste. Direkt beieinander und nicht gefühlte zwei Meter bzw. 30 Menüklicks voneinander entfernt. Habt ihr gehört Mercedes??
 
 
Fahrwerkstechnisch bemerke ich nach der Tastenzeremonie schon mal keinen grossen Unterschied. Der Dreier war vor dem Sportmodus schon eher straff, aber weit vom 135er oder gar vom B3 Alpina entfernt. Die Hinterachse hat auf der ziemlich nassen Strasse etwas Schlupf. Doch Moooooment, wie war das? Automatisches Zwischengas beim Runterschalten? In einem Vierzylinderdiesel? Nun ist die Schizophrenie dieses Dreiers aber perfekt. Sitze straff und eng, Lenkung präzise und durchaus sportlich abgestimmt. ESP komplett abschaltbar. Und dann gibt das Ding beim runterschalten auch noch Zwischengas. Und all diese sportlichen Wunderbarkeiten werden befeuert von einem Diesel ohne Drehfreude? Jetzt mal Klartext, wäre dies MEIN Auto, welches ICH gekauft hätte, ich würde jetzt auf direktem Weg zu einer BMW-Vertretung zwischengäseln und mir ein Eintauschangebot machen lassen, am liebsten für den 35er Motor. Dieser 3er ist das gemeinste, hinterhältigste Auto, welches ich seit langen fahren durfte. Wirklich.  
 
 
Tatsächlich hat dieser 318d Spass gemacht, leider nur auf Kurven zu, um Kurven rum aber leider so gar nicht aus den Kurven raus. Wie gemein ist das, wenn man voller erfüllter Erwartungen an einen sportlichen Kombi aus einer Kurve rausziehen möchte, aber das Triebwerk bei gut 4000 Umdrehungen aufhört Leistung zu produzieren und nach dem nächsten Gang verlangt. Was für ein Dilemma. Und dann klingt das auch noch so...so... sch...lecht?
 
Wirklich, ich bin beide Wege ziemlich zügig gefahren, trotzdem dass der Motor eine ganz üble Spassbremse ist, bleibt immer noch eine gute Menge Restspass übrig, den dieser 3er dann auch immer noch macht. Auch wenn die Strasse hauptsächlich unter Wasser war, und ich vielleicht mal dank etwas zuviel Kuhfladenanteil auf dem Asphalt etwas mehr gerutscht bin als nötig, hinterliess der 318d bei mir einen entspannten Eindruck. Das ist mal wieder eines jener Autos, welches dank der lebendigen Lenkung und den tollen Sitzen gerade genug Rückmeldung an den Fahrer vermittelt um Spass zu machen, aber nicht zuviel um den komfortverwöhnten Geniesser zu arg zu malträtieren. So gesehen ist auch dieser BMW ein tolles Fahrerauto mit der Gemeinheit eines schwachbrüstigen Diesels ohne Puste und dem Willen zur Drehzahl. Sagte ich schon, dass der 318d das gemeinste Auto überhaupt ist? Lasst doch einfach die Sporttaste weg und baut g'scheite Lautsprecher in den Dreier ein. Ich wäre dann nicht unbedingt viel glücklicher, aber dafür etwas weniger unglücklich.
 
Fazit
Trotz dem ganzen Weichspülertum im Markt steht auch der kleine Dieseldreier immer noch als sportlichster seiner Klasse da. Er macht auch mit dem kleinen Vierzylinderdiesel noch genügend Spass bzw. auf jeden Fall mehr Bock als so mancher Benziner der Konkurrenz. Er ist nicht dermassen dick in Watte gepackt wie die C-Klasse. Er ist temperamentvoller und einfach DAS Auto für den ambitionierten Fahrer. Aber ich bin mal wieder bestätigt, das vierzylindrige Dieseltriebwerk als solches, das hat weder sportliche Charaktereigenschaften noch produziert es irgendeine Form von Fahrfreude. Wäre doch wirklich schön, wenn mir mal ein Hersteller das Gegenteil beweisen könnte. Aber wenn nicht BMW, wer dann?

Kaufen?
Den Dreier auf jeden Fall, vor allem wenn man auf sportliche Limousinen und Kombis steht. Aber bitte, Hände weg vom Selbstzünder mit vier Zylindern. Eine Schwarzwäldertorte "Light" macht ja irgendwie auch keinen Sinn. Wer's gerne noch etwas direkter mag, der findet in der Modellpalette 318d bis Alpina B3 definitiv einen Kombi, von dem die Nachbarn nichts schlechtes denken, mit dem man aber trotzdem auch in 10 Minuten in München am Hauptbahnhof sein kann.

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