Ausserhalb der Wohlfühlzone
Vorwort
Ich bin ja zugegebenermassen nicht überall so firm, wenn
es um die motorisierte Fortbewegung geht. Stehtischgespräche über Autos kann
ich führen, bis entweder mir die Füsse oder meinem Gesprächspartner die Ohren abfallen oder das Ende der Party ausgerufen wird.
Aber bei Mopeds muss ich idR komplett passen, da kann ich mir gleich nochmal einen Orangensaft holen. Von Motorrädern habe ich absolut keinen
Schimmer. Null, nada, aber sowas von keinen Plan. Ich besitze auch keinen
entsprechenden Führerschein, welcher mir das besagte Führen eines zweirädrigen
Motorfahrzeugs jenseits der 50 Kubikzentimeter per bürokratischer Dokumentation
erlauben würde. Trotzdem liess ich mich vor einigen Wochen relativ flott dazu überreden, zusammen mit ein paar anderen Idioten ein kleines Fotoshooting in einer Bikerwerkstatt zu machen, welche kurz vor dem Umzug in ein anderes Domizil stand. Für mich kein Ding, ich musste ja keines dieser Geräte fahren.
Das macht Sinn
Ich gebe zu, ich bin einfach kein ausgesprochener Fan von
Zweirädern und bei Fahrzeugen habe ich dieselben Qualitätsansprüche wie bei
Stühlen: a) sie müssen mit jedem Arsch klarkommen und b) sie sollten von
alleine stehen bleiben. Vor allem Zweiteres tun Motorräder nur, solange der Ständer draussen ist. Und
da hört für mich der Spass auf, um- bzw. hinfallen gehört nicht zu meinen
Lieblingsbeschäftigungen. Als ich das letzte Mal jene Treppe, welche in meine
Schreibhöhle führt im Freistil runtergetanzt bin, blieb ein Teil
meines Ellenbogens an der danach teilweise hautfarbigen Rauhputzwand hängen. Was für eine Sauerei an der Wand und
was für eine Narbe an meinem Ellbogen. Und dabei sprechen wir von Schrittgeschwindigkeit, dieselbe
Nummer mit 100 km/h und Asphalt statt Rauhputz, ich wäre so überhaupt kein
schöner Schmierfleck in der Landschaft. Also alles nur sehr mittelgeil.
Der Reiz der Geschwindigkeit
Ja, den kann ich bestens verstehen. Der war es nämlich,
welche mich vor einigen Jahren ernsthaft überlegen liess, ob ich den dicken
Mopedschein nicht doch noch machen sollte. So ein 250kg schweres Töfftöff stand
nämlich noch in unserer Garage rum, frisch restauriert und top in Schuss. Und
ich empfand es als schade, dass es nie gefahren wurde. Klingen tat und tut
dieses japanische Gerät nämlich ziemlich stattlich und die Vorstellung, dass 900
Kubikzentimeter Brennraum zwischen meinen Hacken ihre Arbeit verrichten, nun
ja, ein erster Test hinterliess eine gewisse Wohligkeit in meiner Leistengegend.
Aber irgendwie kam es anders. Ich könnte ja sagen, dass die Vernunft gesiegt
hat, aber das wäre gelogen. Das tut sie bei mir nämlich nie, wenn es um etwas Fahrbereites
geht. Es war schlicht der pure Mangel an Zeit, Vorbereitungskurse, Fahrstunden,
Theorie und und und. Thema soweit erledigt.
Trotzdem
Komme ich immer wieder in Berührung mit dem Thema. Ein
guter Freund von mir ist leidenschaftlicher Motorradfahrer, einer von jener
Sorte, welcher seinen Spleen auch jahrelang im internationalen Wettkampf auf
der Rennstrecke ausgelebt hat. Und dabei hat er im Sinne einer spontanen Rahmenveranstaltung auch so manch ausländisches Krankenhaus besichtigen dürfen.
Was mir seine Erzählungen aber oft bestätigt haben; was nicht von alleine stehen
kann, gehört nicht unter meinen Hintern. Ich komm ja anscheinend nicht mal selber eine
Treppe runtergehen, ohne dass ich dabei einen auf Colt Seavers mache.
Doch letztens
spielte mir der Zufall mal eben wieder einen kleinen Streich. Im
Rahmen eines Fotoshootings setzte ich meine Schuhe auf für mich völlig fremden Boden. Manche
würde sagen, heiliges Land. Es war eine Bikerwerkstatt wie Sie sich kein Drehbuchschreiber dieser Welt ausdenken kann.
Und mein erster Eindruck war, dass ich wohl in meiner persönlichen Benzinhölle
gelandet war. Der Schuppen war bis unters Dach gerammelt voll mit Harleys. Ich
muss dazu kurz ausführen, für mich persönlich sind bzw. waren Harleys eine
lange Zeit der pure Hass. Ich mag ihren Klang nicht besonders und verstehe auch nicht,
wieso man Spass an etwas haben kann, was die Fahrdynamik und den Ölverlust eines 50 Jahre alten Baggers hat.
Habe ich so gehört. Klischees und so, man nennt es auch nichtfundiertes Halbwissen von Leuten ohne Motorradführerschein.
So stand ich da also inmitten von Tonnen von altem Eisen
und überlegte mir, wie ich etwas ins rechte Licht rücken könnte, was von mir
aus auch in einer dunklen Ecke hätte bleiben können. Doch es gibt so Orte, die
brauchen einfach ein wenig, bis man sie versteht.
Irgendwann stellte ich fest,
dass diese Bikewerkstatt anders war, als ich sie mir vorgestellt hätte,
also bunt geschmückt mit meinen selbstgebauten Klischees und beleuchtet mit meinen eigenen Vorurteilen. Ich
kann es nicht anders sagen, aber das war ein Ort der Leidenschaft, jener zu Motoren, Details,
Strassendreck und der schlichten Praktik, dass der Boden gleichzeitig auch als Aschenbecher taugt.
Man konnte diese Freude an der Materie wirklich sehen, riechen und ich musste auch
höllisch aufpassen, dass ich nicht an der Hardware hängen blieb, es war aufgrund der Umzugsvorbereitungen ziemlich eng gestuhlt.
Das Shooting,
oder wie man unser herumstolpern in dieser Umgebung
nennen möchte, war für mich irgendwann wie das Stöbern im berühmten
Süssigkeitenwarenladen. Dort eine alte Vespa, mein Jugendmoped (ein Töffli!) und die Fahrerkabine von einem alten PickUp, aufgehängt an der Decke. Und obwohl ich wie gesagt, absolut keinen Plan von Mopeds
habe, hatte ich recht schnell den die Gewissheit, dass hier tatsächlich eine Menge
Garagengold rumstand. Nicht der hochglanzpolierte Kram mit eingebautem Radio
und beheizten Fussrasten, welcher meine latente Abneigung dem Hersteller Harley
Davidson gegenüber die letzten Jahre immer und immer wieder geschürt hatte. Wirklich,
das hier war ein wahrlich kaiserlicher Bikeschuppen und auf jeden Fall kein Ort
für kleine Jungs.
Und während der Knippserei entstanden zwangsläufig auch ein paar Benzingespräche, über Autos, Mopeds und Flugzeuge. Obwohl der Besitzer und ich aus zwei völlig verschiedenen Welten stammten, sprachen wir trotzdem irgendwie dieselbe Sprache, einfach in einem anderen Dialekt. Und irgendwann kam ich mir dann auch ein wenig dämlich vor, mit meiner frisch gewaschenen C-Klasse vor der Tür und meinem sauberen Hemd, inmitten von einer Unmenge an Motorradgeschichte, welche lange vor meiner Geburt ihren Anfang nahm.
Das Thema werd' ich bei Gelegenheit vertiefen. Ich bin gespannt, wie es dann im neuen Stall dieser Schnitzelklopfer aussieht, da schau ich auf jeden Fall nochmal rein, mit Kamera und auch etwas befreiter von lästigen Vorurteilen.
Schlussendlich
war die Bilanz des Abends eine ziemlich erfreuliche. Ich hatte eine Menge Fotomaterial und auch wieder so einiges gelernt, nicht nur über die Fotografie. Auch wurde meine Schublade der Vorurteile wieder um ein paar Dinge entledigt. Harleys sind nicht nur jene lästigen Mopeds, welche mich morgens um vier eines Nachts in Daytona Beach aus dem Bett geholt haben. Diese Eisenklumpen haben vor allem im reiferen Alter beachtlich viel Seele. Und sie erscheinen mir jetzt noch mehr als vorher als jene Art von Todesfallen, von welchen ich tunlichst die Finger lassen sollte. Ich steh zwar auf altes Eisen, aber so überhaupt nicht auf Krankenhäuser. Und ja, der Klang einer modernen Harley reisst mich immer noch nicht aus den Latschen.
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