Renault Megane TCe 130
Vorwort
Schande über mein Haupt. Die letzten Wochen ist hier nicht so wahnsinnig viel passiert und ich muss mich quasi wieder mal orientieren, wie dieser Buchstabenbaukasten hier funzt. Ich werde mich mal wieder in der Kompaktklasse der unter 150PS'ler bewegen, im Mietwagenland, genauer gesagt in jenem Teil, wo die Leute französisch sprechen und manchmal eine für mich etwas unverständliche Einstellung zum Bau von Autos haben. Soviel sei jetzt schon versprochen, der hier kommt nicht in die Liga des menschenrechtsverletzenden Peugeot 3008 oder seines mutlosen Vorgängers.
Was denn?
Ein Renault Megane TCe 130, klassischer Hatchback mit manuellem Sechsganggetriebe und einem 1198ccm grossen Turbovierzylinder, der für akzeptable Werte im Vortrieb sorgen soll. Das tut er unter der Hilfe von 130 PS und 205 Niutenmetern.
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Muh! |
Laufleistung
30km, das Auto war fabrikneu.
Wie weit?
160km Stadt und Autobahn.
Erster Eindruck
"Es tut mir leid, ich habe nur noch einen Renault für sie, und es ist ein Benziner". So klang es, als ich den Schlüssel des Franzosen überreicht bekam. Dass man sich bereits im Voraus für ein Auto entschuldigt hat, kam noch nicht so oft vor und ich befürchtete, dass sich vor mir die nächsten zwei Tage mal wieder Abgründe französischer Bauart auftun. Ich hatte plötzlich ein etwas flaues Gefühl im Magen, als ob sich ein Knoblauchbrot und ein viel zu saurer Weissweis darum streiten würden, wer denn nun zuerst hochkommt und Pfötchen gibt. An jenem Platz, an welchem der Megane geparkt war angekommen, verflog das flaue Gefühl zum Glück wieder, manchmal muss man Negatives einfach fahren lassen. Der Franzosengolf stand schnieke da und das aktuelle Design bei Renault mag zwar nicht jedermanns Sache sein, aber immerhin sieht das Auto nicht aus, als ob man es aus purem Frust auf ein Zeichenbrett draufgehämmert hat.
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Verkehrsschildererkennung, Bremsassistent. Reicht.
Innenraum
Ich war ja schon beim Talisman angenehm überrascht und von dessen Innenraumdesign schon ziemlich angetan. Im Gegensatz zum Vorgängerinnenraum scheinen hier zwei verschiedene Firmen am Werk gewesen zu sein. Oder aber man hat irgendwo eine Medikation umgestellt. Was auch immer, es hat was gebracht.
Sinnvoll strukturiert und durchaus wertig kommt das Innere des aktuellen Meganes daher. Und wie auch schon beim Talisman versprüht man hier gerne mal den dezenten Hauch einer gehobeneren Fahrzeugklasse. Schalter, Hebel und Knöpfe verrichten ihren Dienst butterweich und praktisch geräuschlos. Die Kunststoffe sind zwar nicht von der kuschelweichen Sorte, erscheinen aber als robust und strapazierfähig. Ok, bei einem fabrikneuen Auto ist das eine gewagte Aussage, trotzdem braucht sich Renault hier nicht vor den Mitbewerbern in seiner Klasse zu verstecken, dort sieht das im fabrikneuen Zustand prinzipiell auch nicht besser aus.
Ebenfalls wertig und auch ein Fitzelchen über dem üblichen Klassenstandard kommen die üppigen, fast schon barock geformten Sitze daher. Der Sitzkomfort, die Einstellmöglichkeiten, die damit verbundene Sitzposition und auch der Seitenhalt sind absolut knorke. Und auf hohem Niveau gemeckert: etwas weich gepolstert scheint das Gestühl, mal schauen wie sich das äussert, wenn der Megane mal seine Hunderttausend auf dem Zähler hat.
Ebenfalls aus dem Talisman bekannt ist das Ambientekonzept. Je nach Fahrmodus (Sport, Neutral, Komfort) wechselt die Innenraumbeleuchtung ihre Farbe. Und damit ändern sich dann auch die Motorenakustik (unmerklich), das Ansprechverhalten des Gaspedals (merklich) und die Darstellung des Displaytachos (auch merklich). Rundum, der Innenraum des Megane kann was und lädt zum Verweilen ein. Im Vorgängerinnenraum wurde man das Gefühl nicht los, dass man als Passagier höchstens geduldet war.
Die ersten Meter
Tja, Anfahrschwäche. War klar, bei einem 1.2L grossen Triebwerklein ist ohne Unterstützung des Laders einfach kein Schnitzel vom Teller zu ziehen. Das lässt den Franzosengolf etwas träge erscheinen, jedenfalls bis dann, wenn er ein wenig Drehzahl hat und frei durchatmen kann. Dann wird der kleine Vierzylinder etwas munterer.
Nach zehn Kilometern
Ich hab mich ausführlich in die weichen Sitze reingelümmelt und muss feststellen, dass ich mich in dem Auto schon ziemlich wohl fühle. Sechster Gang ist drin und um meine Nierengegend herum macht sich das Gefühl breit, dass ich mich hier in einem wesentlich grösseren und höherklassigen Auto befinde, als ich es tatsächlich bin. Souverän bügelt der Franzose über die schlechten Strassen hinweg, ohne jedoch zu schwimmen oder zu schlingern. Nix rumpelt, nix knallt, nix scheppert oder klappert. In einem Wort, grundsolide. Der Megane gefällt mit seinem Fahreindruck.
Multimediaplunder
Auch hier, nix Neues im Vergleich zum Talisman, aber eine komplett andere Welt im Vergleich zum Vorgänger, diesem unsäglichen Haufen Sch...rott.
Obwohl, nicht ganz. Eine schlechte Eigenschaft hat es dann doch vom Vorgänger in den aktuellen Megane geschafft.
Dieser knubbelige, dämliche Bediensatellit, welchen man direkt hinter dem Lenkrad versteckt hat. Unbeleuchtet oder auch sonst nur per Zufall wahrzunehmen, trotzdem kommt man nicht um diesen Klumpen Plastik aus Knopfhausen herum, möchte man nicht dauernd die Augen von der Strasse nehmen, um mal kurz das Radio lauter oder leiser zu machen. Die Konnektivität ist zeitgemäss, ausser Opas Plattenspieler kriegt man jede gängige Hosentaschendevice dazu, sich mit dem Megane zu paaren.
Abgesehen von dem Bediensatelliten, das System im Megane verdient in Summe doch auch Lob. Der hochkantige Touchscreen ist zumindest im Stand intuitiv zu bedienen und bringt eine Menge Informationen auf einen Schlag beziehungsweise Fingertip ins Blickfeld des Fahrers. Das Navi ist stimmig zu bedienen und lässt auch keine dämlichen Fragen aufkommen. Ich muss auch feststellen, dass in einem Auto die hochkantige und gesplittete Anordnung eines Informationsdisplays wesentlich mehr Sinn macht als die Breitbildvariante.
Der Klang in diesem Megane (0815-Standardhifi) geht grad noch so knapp OK. Eigentlich klingt es nicht wirklich ausserordentlich gut, aber es klingt auch nicht ausserordentlich schlecht. Bei normaler Lautstärke spielt das System unaufdringlich und ausgeglichen, lediglich die Pegelfestigkeit und der etwas begrenzte Tiefgang wäre nicht so mein Ding.
Die Fahrt
Der Megane hat mich zum Glück nicht gross und vor allem nicht negativ überrascht. Ich wusste bereits vom Talisman her, welche Standards jetzt bei Renault gelten und dass man sich anscheinend zum Umdenken entschieden hat. Schon nach ein paar wenigen Kilometern war ich endgültig beruhigt darüber, dass ich nicht wieder in einem solch lieb- und motivationslos zusammenkonstruierten Auto meinen Weg unter die Rädern nehmen musste.
Und die Wandlung ist wirklich beeindruckend. Die Evolution von Renault ist im Megane ziemlich krass zu spüren. Nicht nur, dass sich das Auto mühelos neben seine Klassenkameraden stellen kann ohne gleich Haue zu kriegen, in dem einen oder anderen Punkt müssen die anderen auch neidlos anerkennen, dass der Megane hier den einen oder anderen neuen Massstab setzt.
So zum Beispiel im gesamten Fahreindruck. Das Auto kommt noch einen Ticken solider daher, fühlt sich geschmeidiger aber dennoch nicht pampiger an. Die Lenkung gibt überraschend viel von der Strasse zurück, ohne jedoch anstrengend straff zu sein. Der Motor ist vor allem für seine Grösse elastisch genug, um im Alltagsverkehr mitzuziehen. Ein Sportler ist er aber dennoch nicht. Auch dann nicht, wenn man den Fahrmodus auf Sport stellt, der Innenraum in ein blutiges Rot getüncht wird und die Armaturen den Drehzahlmesser in's Zentrum stellen.
Abgesehen von der Sicht nach hinten funktioniert das Auto im Alltag tiptop, ausser vielleicht man lebt im australischen Outback. Der Megane baut auf seine Art ein Vertrauensverhältnis zum Fahrer auf, er lässt ihn einfach in Ruhe und macht seinen Job. Er fährt von A nach B. Und das macht er zwar ziemlich emotionslos, aber das wiederum ziemlich gut.
Fazit
Der letzte Megane war ja nicht gerade eine Glanzleistung des französischen Automobilbaus. Egal aus welcher Perspektive oder unter welchen Bedingungen, das Auto hatte irgendwie den Charakter von Nikotinkaugummi, konnte also durchaus hilfreich sein, wenn man sich das Autofahren an sich mal abgewöhnen wollte. Ganz anders sein Nachfolger, also dieses Exemplar hier. Anstelle dass man einfach den Alten etwas aufgehübscht und mit modernerer Technik versehen hat, hat man hier spürbar bei Null angefangen. Und sicherlich auch ganz genau auf den Wettbewerb geschaut. Nicht umsonst, denn damit rückt Renault wieder auf, jetzt müssen Sie nur noch dieses Image loswerden, jenes des Createur de malheur. Mit dem aktuellen Megane sind die Chancen wohl nicht mal so schlecht.
Kaufen?
Jup! Wer sich sowieso einen kompakten Dailydriver in die Garage stellen möchte, kann hier auch einen ungetrübtem Blick auf den Franzosengolf werfen. Und bitte, auch zur Probe fahren. Vorbei sind die Zeiten, als der Megane mit einem unwilligen Motor und einem noch unwilligeren Getriebe bestraft war. Der hier hat wirklich das Zeug dazu, die Sünden der vergangenen Jahre aus Renaults Strafregister zu putzen. Und mal ehrlich, er sieht schon viel sympathischer aus mit seinen neuen Rücklichtern. Die sehen nämlich aus wie ein gigantischer Schnurrbart.
Schön wieder etwas von dir zu lesen!
AntwortenLöschenHab leider schon alle Posts durch. Du bist ein genialer Autor und schreibst jedem Petrol Head aus dem Herzen