1954 Dodge Pickup Truck "Job Rated"

Vorwort
Wenn man von DEM automobilen Verkaufsschlager schlechthin spricht, dann kommt einem zwangsläufig sowas wie ein Golf in den Sinn. Und das mag zumindest in unseren Breitengraden durchaus seine Richtigkeit haben. Schaut man aber mal über den Tellerrand hinaus, also fernab der Landesgrenzen, dann stellt man fest, dass nicht ein kompakter Hatchback den Thron der Meistverkauften einnimmt, sondern ein Arbeitsgerät, ein Pickup Truck. Ein Mitnehmlaster. Deswegen gilt heute meine gehobene Aufmerksamkeit einem kleinen Helden, einem Überlebenden, eines jener "Workhorses" welches Amerika greater gemacht haben als Donald es sich in seinen feuchtesten Träumen je vorstellt. 

Diese Woche haben wir einen Petrolhead allererster Güte und seinen Dodge kennengelernt und ihm ein kleines Shooting angeboten. Daraus wurde ein erstklassiger Benzinsamstag. Es gibt schlechtere Tage. 

Was denn?
Ein 1954er Dodge Pickup C-Series. Reihensechszylinder mit 3.5 Litern und 110PS. Drehmoment unbekannt, aber sicherlich genügend. Heckantrieb. 



Laufleistung
Das weiss niemand so genau. Aber Fakt ist, dass dieses Auto so dasteht, wie es damals das Werk verlassen hat. Plus 63 Jahre harte Arbeit auf einer Farm im hintersten Hinterland Kaliforniens. Und damit ganz besonders viel Aufmerksamkeit verdient. 


Wie weit?
Ein paar Kilometer ausserhalb des Trubels der dichter besiedelten Gebiete. Die manuelle und unsynchronisierte 3-Gang Lenkradschaltung benötigt ein wenig Übung. Auch die Bedienung der Pedalerie ist nicht Ohne. Und man kann sich denken, dass die Lenkung nach all den Jahren nicht straffer geworden ist. Trotzdem, jeder Meter ein Heidenspass. 



Erster Eindruck
Ich hatte ein kleines Déjà-vu, als ich den 54er Pickup gesehen habe. Nur, auf den zweiten Blick stellte ich fest, dass es sich hier nicht um ein restauriertes, sondern ein ehrlich und würdig gealtertes Auto handelt. 63 Jahre alt um genau zu sein, also kurz vor der Rente. Der quasi zweite Eindruck dieses Autos war sein Geruch. Jener unverkennbarer Mief, den alte Autos mal mehr, mal weniger absondern. Ich liebe diesen Geruch. Kommt gleich nach einem frittierten Schnitzel. 


Zeigefinger (Assistenzsysteme)
In erfrischender Weise keine. Einzig der Besitzer als Beifahrer, welcher mit dem einen oder anderen Ratschlag zur Seite steht. Ansonsten gilt, Hände ans Lenkrad und der Tritt auf Bremse und Kupplung will ein sicherer sein. Ansonsten kann es passieren, dass das Getriebe seinen Unmut über mangelnde Feinfühligkeit dezent in den Innenraum transportiert. 



Innenraum
Ja was soll man da sagen. Blankes und lackiertes Blech, eine Pferdedecke, etwas Vinyl und Presspappe als Türverkleidung. Das muss reichen für ein Auto, welches in der Ausführung "Job Rated" daherkommt. 



Klar, das ist jetzt nicht die Umgebung, in der man eine abrupte Be- oder Entschleunigung erleben möchte. Tut halt schon weh, wenn's schief geht und man sein Gesicht in ein massives Blech reinparkt. Und ja klar, die aktuelle S-Klasse bietet sicherlich mehr Luxus und Ambiente. Aber da kann man drauf pfeifen. Dieser Innenraum bietet soviel Nähe zum eigentlichen Autofahren wie es eine S-Klasse nie konnte oder kann. Das liegt auch daran, dass man durch das eine oder andere werksseitig gebohrte Loch auf die Strasse gucken kann. 


Und dann kann man sich auch denken und sich auch darauf freuen, dass die Innenraumakustik etwas speziell ist. Wie's halt klingt wenn man in einem Zinkeimer mit Rädern mit bis zu 135km/h durch die Landschaft scheppert. Leider geil.  


Die ersten Meter
Ach ist das mal wieder schön, ein Auto zu fahren. Also so richtig. Hier ist einfach mal absolut gar nix servounterstützt. Lenkung, Bremse, Kupplung, das alles funktioniert hier nur mit Muskelkraft. Und gerade wenn's so ist wie gestern, also um die 28°C und einer gefühlten Luftfeuchtigkeit um die 112% kriegt man einen Eindruck davon, wie es damals gewesen sein muss, wenn man irgendwelches Ackergerät von A nach B bringen musste. Schweisstreibend. Und dann noch den Farmerkrempel auf die holzbeplankte Brücke speditieren. Fragt sich, was mehr Schweiss aus dem Körper treibt. 



Multimediaplunder
Nein. Nix. Nada. Wozu auch. Für ein Workhorse der Working Class braucht es kein Radio und auch für die heutige Zeit sieht der Besitzer kein Bluetoothilein oder USB-Radio vor. Wäre auch nicht soo einfach bei sechs Volt Bordnetz. Vor allem aber wär's so unnötig wie eine doppelte Portion Broccoli zu einem zwanzig Unzen dicken Porterhouse Steak. 

Die Fahrt
Als ob man erstmal Autofahren neu lernen müsste. Zumindest, was die Bedienung anbelangt. Nudelige Lenkradschaltung. Motorstart per Fusstritt. Eine Kupplung welche ohne Feingefühl nicht zu bedienen ist. Hach, ich liebe solche Herausforderungen. Und nein, trotzdem nicht abgewürgt und auch kein Burnout. Der drehmomentstarke Sechszylinder hilft schon bei Leerlaufdrehzahl. 


Hatte ich dann mal die Gänge bis in den Dritten hochsortiert, war das Fahrgefühl überraschend normal. Und dabei fällt als erstes der unfassbar seidenweiche Lauf des Reihensechsers auf. Dieser Motor lief zu meiner Verwunderung recht leise, völlig vibrationsfrei und vor allem, recht agil. Passt so gar nicht zu der Optik eines gut gelagerten Stück Metalls von 1954. 



Kein auf hochglanzpolierter und von Plastikdeckeln flankiertes Triebwerk ziert den Motorraum dieses Dodge. Hier steckt ein rostiger Klumpen Eisen im Bug, welcher seine Arbeit seit dem Einbau in Detroit stets zuverlässig verrichtet und auch gut am Gas hängt. Die 110PS kaufe ich dem Triebwerk sofort ab, trotz seines hohen Alters. Und dabei macht das alles auch noch unfassbar viel Spass, auch wenn die Bewegung jenes alten Gerätes aus Detroit eine Menge Arbeit verursacht. Eine Form von Arbeit, mit der ich mich aber wirklich gut anfreunden kann.

Dass die Ausstattung so ziemlich das minimalste ist, was ich je (er)fahren durfte, tut dem Spass auch keinerlei Abbruch. Es ist alles da was es für die Fortbewegung braucht und sollte zum Leidwesen der Passagiere trotzdem mal ein Reifen platzen, ist die einzige Option auf der Aufpreisliste sicherlich hilfreich. Ein Ersatzreifen.  


Natürlich ist das Fahren im heutigen Strassenverkehr mit dem alten Dodge eine etwas knifflige Sache. Vollbremsungen mag er nicht, da stellt er sich gerne mal quer. Man kann aber solchen Situationen auch etwas vorbeugen, dafür gab's auch damals schon eine Hupe. Wohlgeformt und auch wohlklingend, innerhalb dieses Haufen Blechs ergibt sich eine einmalige Akustik und wer darauf nicht aufmerksam reagieren würde, der müsste sich mit der massiven Stossstange anfreunden. Ich behaupte, bevor sich diese verformen würde, hätte sie sich schon den Weg von der Stossstange bis zur Fahrgastzelle eines Audi A4 freigeräumt. Also, Gratistip von mir; wenn so ein Gerät frontal auf euch zusteuert, zieht euren Schlitten freiwillig in die Botanik. Kein Airbag dieser Welt wird euch dabei helfen, wenn sich dieses Eisenschwein aus Detroit zu euch vorarbeitet. Lautstark. Und definitiv schmerzhaft. 


Natürlich hat das Auto auch eine Klimaanlage. Also eine, welche 1954 üblich gewesen ist. Fenster runter und Klappe auf. So kriegt man eine Menge Frischluft in den Innenraum und das ist auch gar nicht so verkehrt. Das Dach ist halt eben das Dach, kein flauschiger Dachhimmel isoliert die Passagiere von der Hitze des Blechs, welches sich in der Sonne auf respektable Temperaturen im Bereich eines Webergrills aufheizt. Nein, dies ist kein Auto für Leute, welche die zierliche Brise aus einer zeitgemässen Klimatisierung als täglichen Standard schätzen gelernt haben.    


Das Fahrverhalten lässt sich als ehrlich bezeichnen. Die beiden auf Blattfedern angerichteten Starrachsen vorne und hinten lassen keinen Zweifel am Strassenzustand aufkommen, er scheint übel zu sein. Und wie spassig muss es denn sein, wenn man diese Fuhre etwas zügiger über einen Feldweg scheucht, am besten mit einer toten Kuh auf der Brücke. Dabei bleibt dieser alte Haudegen aber immer stabil im Geradeauslauf und ist frei von unnötigen Wankbewegungen oder der Schwimmerei, welche man alten Amerikanern so gerne andichtet. Natürlich wird das alles dadurch nicht sportlich, aber trotzdem vermittelte der Dodge sowas wie ein entspanntes und sorgenfreies Fahrgefühl. 


Am Ende des Tages hatte ich nochmal ein kleines Déjà-vu zum alten DB 2-4. Etwas verloren im Benzingespräch vergassen wir die Zeit und begannen uns mit den unzähligen Details dieser automobilen Wundertüte zu befassen. Die Lackierung, welche aus drei Farbtönen plus Rost besteht. Der Innenraum, in welchem wir einen versteinerten Insektenkokon und auch etwas Stroh gefunden haben. Einem Quietschen, welchem wir auf der Spur waren und welchem wir hoffentlich erfolgreich mit etwas Motorenöl Abhilfe geschaffen haben. Einem abgesägten Metallteil, welches wir nicht eindeutig einem Seitenspiegel zuordnen konnten. Und und und. 

Manche Leute stellen sich ja gerne ihren Ferrari oder irgendwas anderes Ästhetisches direkt ins Wohnzimmer, einfach nur um es abends bei einem Glas Wein zu betrachten. Kann ich absolut nachvollziehen und ich würd's auch machen, hätte ich ein Wohnzimmer mit Garagentor. Ich behaupte aber trotzdem, der Dodge würde so ziemlich jedes hochglanzpolierte Gerät aus Maranello in den Schatten stellen, wenn es darum ginge, Blicke auf sich zu ziehen und das heimische Garagenwohnzimmer mit Unterhaltung zu füllen. Eine gute Zigarre, ein Glas feinen Singlemalt und zwei, drei Gleichgesinnte wären ein Garant für viele Abende ausgefüllter Benzinromantik. Erstklassig. Und dabei wär' man noch nicht mal damit gefahren. 



Fazit
Es gibt sie noch, diese wahren Überlebenden, welche einer umfassenden Restauration über all die Jahre erfolgreich aus dem Weg gegangen sind. Auch sowas kann gleichviel Freude machen, wie es z.B. ein nach Leder riechender Neuwagen tut. Nur mit dem Unterschied, dass dieser alte Pickup mit zunehmendem Alter immer besser wird. Auch wenn die Alltagstauglichkeit zweifelsfrei eingeschränkt ist, ist Fahrspass garantiert. Auch aus dem Grund, weil man dieses Auto nicht aus der Garage holt, um irgendwohin zu fahren, sondern um einfach damit zu fahren, ein Ziel wäre nur etwas, was dem Spass ein Ende bereitet. Etwas seltenes, was ein Neuwagen nur schwer bieten kann über längere Zeit. Damit, von mir, sowas muss man  eigentlich haben, wenn man gerne Auto fährt. The End.  

Kaufen?
Alte Autos machen nur Probleme. Ein Satz, den ich oft höre in letzter Zeit. Oft sehe ich aber auch das eigentliche Problem dieser Aussage, das Setzen des Massstabes für ein neues Auto in Komfort, Benzinverbrauch, Luxus etc. gegenüber einem alten Eisen. Das ist dann auch der falsche Ansatz für etwas, was seit über 60 Jahren erfolgreich gegen die Verschrottung kämpft. Und das tut dieser Dodge Pickup absolut erfolgreich. Würd ich's nicht besser wissen würde ich die Behauptung aufstellen, dass dieser Pickup in Roswell bei den ersten Atombombentests auf dem Sprenggelände vergessen wurde und zum Erstaunen aller nach dem grossen Wumms immer noch dort stand wo man ihn geparkt hatte. Natürlich ist das nicht so, aber wer trotzdem etwas bombensicheres haben möchte, der kann diesen Dodge tatsächlich kaufen. Bombensicher, dass er auch im Stand noch eine Wagenladung voll Spass macht. 

Nochmals vielen Dank an den Besitzer. Wir betrachten es nicht als selbstverständlich, dass man so ein Gerät einfach mal aus der Hand gibt. War geil. 

Die Bilder in voller Auflösung und in bunt finden sich auch auf der Fratzenbuchpage von Gasoline Kitchen. 

Kommentare

  1. Danke Markus, der Artikel war wiedermal ..."leider Geil"

    Mach so weiter, bin froh das du jetzt wieder mehr Zeit zum schreiben hast.

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