1971 Mercedes-Benz 280SE 3.5 - Der Bossbenz
Alte Benzen haben ja was. Das Klischee von älteren Herren mit Hosenträgern und Hüten und dem instabilen Dackel auf der Hutablage. Bevorzugt gefahren von Herren mit Zigarren des Formats eines Zaunpfahls, der Gesichtfragmentierung einer hundert Jahre alten Eiche und dem Berufsstand eines Direktors, Anwalts oder eines verkappten Diktators. Also die idealen Führungspersönlichkeiten des letzten Jahrhunderts. Doch heute, da haben so alte Benzen einen verdienten Kultstatus. Deswegen, weil sie immer noch eine gehörige Portion Überholprestige besitzen. Weil sie kultig aussehen. Und weil man gerne mal ein Luftfahrwerk in diese überraschend kompakten Boote reinpackt, um sie dann an der Tanke auf die Fresse zu legen. Nur um dann das Echo jener Kiefer rundum zu hören, welche ebenfalls auf dem Boden aufgeschlagen sind. Heute: ein Resümee, zwei Jahre nach dem Abschied.
Was denn?
Eine 1971er S-Klasse, 108er Baureihe, 280SE mit dem 3.5 Liter V8. Einspritzer (kind of) mit 200 PS und Lenkstockautomatik. Un-Restauriert! 48 Jahre alt war dieser Bonzenkoffer, als ich ihn über einen wirklich, wirklich schönen Sommer gefahren bin. Und heiligs Blechle, das Auto ist absolut souverän durch jene Spuren gefahren, welche schon seit meiner frühestens Jugend in den Gehirnwindungen für den einen oder anderen benzinbetriebenen Gedankenfluss sorgen. Nicht nur wegen dem Stern auf der Haube.
192'000 Kilometer.
Wie weit?
So ca. 2'500 bis 3'000 Kilometer. Also eigentlich viel zu wenig.
Erster Eindruck
Wer ist hier der Boss? Wer ist dein Daddy? Bäm! Für mich persönlich die schönste S-Klasse, egal ob als 280er oder 300er (länger, bis zu 6.3L V8). Und dann noch diese klassische Farbkombination, silber mit schwarzem Dach. Waaah! Klar, ein kleiner Dämpfer war. Als ich das Auto das erste mal in Augenschein nahm, da lächelte nicht nur ein wenig Rost aus den Radkästen, nein, der Rost brüllte vor Lachen und kugelte bzw. krümelte sich vor meinen Füssen. Aber irgendwie war mir das egal, ich musste diesen kleinen Achtzylinder haben. Über die Nachinvestitionen und das eine oder andere zusätzliche Stilelement kann man sich dann auch später noch unterhalten.
Tacho, Spiegel, Gas, Bremse, V8.
Innenraum
Innenräume von alten Autos haben ja so eine eigentümliche Ergonomie. Manchmal fasst man sich an den Kopf und denkt sich, naja, was haben die sich dabei bloss gedacht? Nicht so in diesem alten Stuttgarter. Die Bedienung ist auch für jene mit dem Gehirn auf Notstrom (also für mich) noch schlüssig und man kriegt die Fuhre ganz locker flockig in Bewegung. Schlüssel drehen, Gang rein, ab auf die Strassen dieser Welt, einmal der Chef sein.
Ich und mein Holz! |
Materialtechnisch muss man ja sagen: Das. Ist. Geil! Nochmal, das Auto ist 48 Jahre alt, unrestauriert und abgesehen vom kuscheliggefurzten Fahrersitz schaut das alles immer noch besser aus, als bei einem modernen, 8 Jahre alten Gebrauchten mit derselben Laufleistung. Die Stoffe sind nix kaputt, das eine oder andere Stück Holz war aber sicher mal beim Schreiner. Ist auch OK, wenn die Sonne die eine oder andere Portion Vitamin D in die Maserung hineingeröntgt hat. Ja OK, es riecht ja schon ein wenig nach Robert Lembke und Socken hier drin, aber das tat das Wohnzimmer von meiner Lieblingsoma auch. Und ich mochte das. Eine Intensivreinigung hat den Lembke dann auch rausoxidiert.
Sichere Bank ohne Sicherheitsgurte. |
Wer hier links sitzt, hatte das Kommando. Vielleicht auch über einen Atombombensilo. |
Die Sitzposition vorne (wir haben hier einen Idioten zur Anschauung verwendet) ist chillig, easy und fresh. Oder wie man in den 70ern gesagt hat, bequem, einfach und scheissegeil. Perfekte Höhe der Fensterlinie zum Ellenbogen. Die Sitzkontur am Rücken ist formidabel, jene am Hintern eher blamabel. Perfekte Ablagefläche für ein modernes Smartphone in der MIttelkonsole ist vorhanden und ebenso eine Klimaanlage mit der Leistungsfähigkeit von einem Schockfroster.
Auch hinten sitzt besagter Idiot perfekt und trotzdem, dass es sich hier nur um den kurzen 280er gehandelt hat, konnte er seinen Kackstelzen fast genausoviel Spielraum zuordnen wie seiner holen Murmel. Mitsamt Hut. Das Auto hatte aussergewöhnlich viel Kochfreiheit.
Die ersten Meter
Nach zehn Kilometern
Ich verstehe es wirklich jetzt. Mercedes hatte ja schon damals den ambitionierten Anspruch, der beste Automobilhersteller der Welt zu sein. Heute lässt sich darüber gerne und oft mit irgendwelchen Markenfanatikern streiten, aber im Vergleich zu den Booten, welche damals in der Luxusklasse auf den Strassen rumgeeiert sind spielt der Bonzenbenz in einer komplett anderen Liga. Unglaublich, wie solide, stramm und trotzdem komfortabel diese Limo im heutigen Strassenverkehr mitwuselt. Da guckst du mit deinem AMG!
Da war irgendso ein japanisches Blaulichtradio verbaut. Flog dann aber raus, getauscht gegen eins mit Nadelstreifen und DAB+. War aber mehr wegen der Optik, als wegen dem Sound. Musikhören ist in dem Auto sowieso weniger spannend, weil V8, ne?
Die Fahrt
Eigentlich war der Benz so ein Auto, welches ich hauptsächlich wegen der Optik und dem kompakten Achtzylinder haben wollte. An das eigentliche Fahren bzw. an das Fahrverhalten hatte ich eher wenige bis gar keine Ansprüche, habe ich als Bonusmaterial abgetan, wäre es denn auch noch OK gewesen. Ich mutmasste, dass der Fahreindruck halt eben im 70er Style gehalten sei; träge Automatik, müder Motor und ein Fahrwerk aus zu lange gekochten Maultaschen. Und tatsächlich, noch nie bin ich so gerne über meinen eigenen Haufen dampfender Vorurteile gestolpert und habe mich mit einem breiten Grinsen auf eben jene, breit grinsende Fresse gelegt. Das Auto hat mich regelrecht eiskalt erwischt und nachhaltig geflasht.
Zum Getriebe; Der silberne Koffer hatte, entgegen meines halbfundierten Nichtwissens, keine träge Wandlerautomatik, sondern so eine knorkige mit einer Trockenkupplung. Das heisst, dass dieses Getriebe definitiv ruckartiger schaltet als so eine Schüssel voll mit Öl, das tut es aber dafür sehr zügig. Ergo, annähernd so viel Kraftschluss wie ein Schalter, flotte Gangwechsel, kein Wandlergerühre. Hoppla! Prähistorischer Singlekuppler? Sportmodus serienmässig? Warum hat man das nicht weiterverfolgt? Ich fands gut.
Der Motor; 3.5 Liter sind jetzt nicht unbedingt eine Macht an Hubraum, vor allem nicht bei einem Saugmotor mit einer K-Jetronic Benzineinspritzung, also so einem mechanisch/elektronischen Kraftstoffvoodoo aus dem Hause Bosch. Trotzdem aber, von irgendwoher müssen ja doch diese 200 PS herkommen, das geht ja eigentlich nur über Drehzahlen. Und leck mich am Sockentrockner, Drehzahlen kann dieser Motor hervorragend. So hervorragend, dass jeder (ich inkludiert), welcher den Chefkoffer mal die Autobahneinfahrt mit dem Pedal im Teppich hochgezogen hat der Meinung war, das Getriebe sei kaputt, schalte niemals in den nächsthöheren Gang und der Motor zerlegt sich, begleitet von sehr hässlichen Geräuschen, in seine Einzelteile, optisch unternalt on einer beispiellosen Sauerei auf dem Asphalt. Aber, da war alles in bester Ordnung, der Motor war einfach nur einer von der (frühen) Sorte Schreihals. Untenrum etwas müde, dafür obenrum eine Wucht. Wer hätte gedacht, dass dieser ungewaschene Haufen Eisen soviel Temperament entwickelt. Antwort: Keiner.
Beziehungsstatus Fahrwerk: Es ist kompliziert. Vor allem an der Hinterachse. Aber, es funktioniert und das tut es sehr gut, wer nicht gerade in einem Anfall von Walther Röhrl seinen Verstand durch das kleine Dreiecksfenster hinausgeschmissen hat wird feststellen, dass durchaus auch respektable Kurvengeschwindigkeiten machbar sind. Tendenziell liesse sich der Unterbau des Benz' sogar für heutige Verhältnisse als eher straff abgestimmt bezeichnen, wäre da nicht doch noch eine gehörige Portion Abroll- und Federungskomfort, trotz den Niederquerschittsreifen und den Penta-Alus. Und übrigens, das Fahrwerk hat null Geräusche gemacht. Frechheit.
Die Langstrecke; Und da zeigt der 280er endgültig, wo der Frosch die Locken hat. 140 km/h auf der Autobahn fühlen sich an wie gar nix. Nicht nur, dass diese 140 km/h ziemlich flott erreicht sind, wenn man denn möchte, man erschrickt sowieso immer wieder mal beim Blick auf den Tacho, vermutet man doch irgendwie höchstens 100 oder 110 km/h. Man sitzt ja doch in einem Auto von 1971 und nicht in einer aktuellen C-Klasse. Klar, so ein C ist sicherlich ruhiger unterwegs, aber tatsächlich entspannter ist irgendwie der 108er, er hat gegenüber höheren Geschwindigkeiten so eine beeindruckende Scheissegaleinstellung. Das Auto strahlt eine Ruhe aus, dass es fast schon ekelhaft ist. Und auch wenn ich es nie wirklich ausprobiert habe, aber Geschwindigkeiten jenseits von 200 km/h wären sicher locker möglich und frei von übermässiger Hektik gewesen. Da musste so mancher 911er mal kurz weg von der linken Spur.
Die Zuverlässigkeit; Was für eine Schweinerei, da ist mir doch tatsächlich einmal diese erste, 48 Jahre alte Sicherung des Scheibenwischers durchgeflogen. Einfach wegoxidiert, dieses krümelige Miststück. Und der Blinkerhebel hat auch nicht immer eingerastet, musste dann halt revidiert werden. Ansonsten, keine Mucken, keine wirklichen Defekte, einfach ein fast 50 Jahre altes, gut gepflegtes aber angemessen verbrauchtes Qualitätsauto. Tatsächlich, und ich sage das selten, aber DEN hätte ich behalten müssen. Vor allem, ich liebte Nachtfahrten über die Autobahn. Verdammte Axt!
Fazit
Bestes Auto der Welt. Nein, das natürlich nicht. Aber, beängstigend nah dran. Ich meine, viele Autos aus dieser Zeit sehen fantastisch aus. Aber die allermeisten davon fahren sich wie ein Sack voll Omaschlüpfer. Würde mich jemand in Versuchung führen (macht ja sowieso keine Sau, aber nur mal so angenommen...) und mir so einen 108er mit V8 oder einen aktuellen AMG mit 4.0er V8 Biturbo hinstellen, der könnte gar nicht so schnell kucken, ich wäre schon mit dem 108er auf dem Weg zu einer Autobahn, nächster Stopp: Tankstelle. Wirklich kaum ein Klassiker vereint so viele gute Eigenschaften; Zuverlässigkeit, Fahrbarkeit (absoluter Daily!), pornöse Optik, V8 inkl. dezentem Sound (lässt sich sicherlich noch optimieren), Platz und vor allem, einem selbst von mir ungeahntem Kopfdrehfaktor. Dieses Auto hält bei mir bis heute den Rekord für die Dichte an Tankstellengesprächen. Von zehn mal tanken wurde ich, ohne Kohl, sicher zwölf mal angesprochen. Beim Tanken und nach dem Bezahlen. Vom Parken irgendwo gar nicht reden. Jeder, wirklich jeder, mag dieses Auto. Und, er hat, zumindest fernab von geltenden Zulassungsvorschriften, eine Menge Luft nach unten wenn es um die Fahrwerkstechnik geht.
So, nun wird's voll fies. Erstmal ja, man kriegt solche Autos schon sehr günstig und dies qualifiziert den 108 vollumfänglich als Einsteigeroldtimer, vor allem als 280er und sicherlich auch mit Sechszylindermaschine. Und ja, sofern die Autos so gut gewartet und gepflegt waren wie dieser (war aus zweiter Hand), kann man diesen Sprung ins Ungewisse mit so einem Wagen wagen. Aber (dieses Wort ist die Brembo unter den Spassbremsen), das kann auch böse schiefgehen. Rost? Inkludiert. Autos, welche über die vielen Jahre nur durchgereicht wurden, leiden auch oft an üblen Basteleien und die können schnell mal ein paar ziemliche Krater ins Konto bomben. Zwar ist die Ersatzteilversorgung seitens Mercedes-Benz und deren Classic Abteilung durchaus noch sehr gut, aber man lässt sich dies auch wirklich gut bezahlen. Aber, dafür kriegt man ein Fahrgefühl, welches auch für die heute Zeit noch, nicht viel erhabener sein könnte. Und eine Optik, welche jeden modernen AMG tatsächlich etwas blass aussehen lässt, egal wieviel Vossen man da draufpackt. Deswegen, am besten gleich zwei kaufen. Einen für den Tag, den anderen für dich Nacht. Und dann unbedingt mit Neblern rumcruisen. Gibt zwar auch Ärger mit der Rennleitung, aber hey, das kost weniger als ein abgeflexter Endschalldämpfer.
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