Cuore sportivo - Zu Gast bei Alfa Romeo

Die Tradition

Jeder hatte diesen einen Freund oder Freundin, welche(r) eines jener Spielzeuge hatte, welche man selbst gerne im Fundus gehabt hätte. Oftmals buntes Zeug aus Guss und Plastik, welches die Sinne und die Fantasie angeregt haben und womit wir uns als Kinder stun­denlang beschäftigen konnten. Lego, Duplo, Playmobil, Matchbox, Bburago, Tamiya oder für die eine oder den anderen auch mal Mattel.


In meinem Fall waren diese Spielzeuge immer nach denselben Kriterien sorgfältig gewählt, die absolute Gemeinsamkeit waren vier Räder welche sanft, aber immer einschließlich meiner per­sönlichen akustischen Begleitung über den Teppich meines Kin­derzimmers geglitten sind. Oder eben, über den Teppich des zu dem Zeitpunkt gerade besten Freundes. Die Fantasie hatte dabei keine Grenzen, keine Geschwindigkeitsbegrenzung und benö­tigte keinen Führerschein. Mit vier Rädern in meiner Hand konnte ich einfach überall hin, ohne auch nur den Raum zu verlassen.




Im Erwachsenenalter flacht das Bedürfnis nach Spielzeug in­teressanterweise nicht ab, zumindest bei mir kann ich da keine Negativentwicklung feststellen. Es nimmt zumindest gefühlt immer noch täglich zu, dort ein V8, da ein Bagger, oh, gleich vier Turbolader? Will ich haben, will damit spielen. Nur die Dimen­sionen werden grösser, das Spielzeug passt nicht mehr in eine Hand, man braucht da oftmals beide Hände und beide Füsse dazu.




Aber was immer noch gilt, vier Räder sind oftmals ein Garant dafür, dass ich stundenlang meinen Spass haben kann. Man wird als Benzinsüchtiger anscheinend nur körperlich älter, im Kopf jedoch, da bleibt man vermutlich bis zum Ende immer nur acht Jahre alt. Ich mag diese Form des Stillstandes der per­sönlichen Weiterentwicklung und gebe mir alle Mühe, dass mein achtjähriges Ich immer genügend Beschäftigung findet. 

Die Einladung

Normalerweise lasse ich mich sowieso nicht lange bitten, wenn es darum geht auf dem Fahrersitz eines Autos Platz zu nehmen, welches aufgrund meines persönlichen Nichtwissens über den Fahreindruck meine Fantasie anregt. Umso mehr sage ich noch so gerne auf solche Einladungen zu, wenn die Ästhetik des Autos auch noch stimmt und die Fuhre nicht daherkommt wie ein Umzugskar­ton aus dem Baumarkt. In diesem Falle aber, als meine Wenigkeit als Gast bei Alfa Romeo in Balocco erwünscht war, schallte in rekord­verdächtiger Schnelligkeit und Lautstärke ein «Ja du Idiot!» durch meinen Kopf. Wie ein Reflex. Dass ich noch einen Termin mit dem Steuerberater hatte? Keine Ahnung, das ging irgendwie komplett unter.


Und da fand ich mich wieder in einer Situati­on aus meiner Kindheit, in einem klassischen Déjà-vu. Wie damals, als mich einer meiner Freunde zu sich nach Hause eingeladen hat, um mit seinem Spielzeug zusammen Kopfkino abzuspulen. Aber, wie wird es da sein, im Haus einer mir nicht ganz fremden, aber etwas in die Ferne gerückte Familie. Bei den Alfisti in Balocco, in der goldenen Mitte zwischen Turin und Milano. Wird die Mama nett sein? Gibt es dort italienische Süssig­keiten? Ich war auf Überraschungen gefasst und freute mich, wieder zu einem Alfisti zu werden, wenn auch leider nur für zwei Tage.

Traditionen

Bevor man bei einer so traditionsreichen Familie zu Gast ist gehört es sich, dass man sich ein wenig informiert, die Familienge­schichte auf sich wirken lässt und damit auch versteht, welche Emotionen in diesem Hause zum Standard gehören. Es verstand sich von selbst, dass ich mich damit ausein­andersetzen wollte und ein Besuch im haus­eigenen Museo Storico Alfa Romeo in Arese sollte die eine oder andere Wissenslücke unterhaltsam füllen. Ich betrat nach vielen Jahren Abstinenz wieder dieses Haus und die bunte, verrückte Welt von Alfa Romeo. Und ich fühlte mich im Museo augenblicklich wieder wie zu Hause. Wie damals, als ich meinen eigenen, ersten Alfa abgeholt habe. Und damit das bis heute emotionalste Auto überhaupt meine Garage stilvoll schmückte, nicht nur, weil der GTA so wunderschön rot war. Sondern weil er so herrlich verrückt war. Und weil mir so mancher den Vogel zeigte, sobald ich auch nur den Wunsch geäussert hatte, diesen einen Alfa Romeo mein Eigen zu nennen. Es fühlte sich richtig an.

In der Familie der Alfisti sind Emotionen ein Credo, ja fast schon zum Mantra geworden. Nicht zuletzt deswegen gehört für mich auch der mittlerweile schon seit mehr als 10 Jahren präsente 8C Competizione zu den wohl zeitlosesten und schönsten Automobi­len unserer Zeit. Ein Auto, welches aus jeder Perspektive betrachtet glücklich macht und spätestens beim Start des unverschämt lauten V8’s den Körper mit Glückshormonen flutet. Was für eine wundervolle Ode an Form, Ästhetik und Akustik.

Emotionen

Bei Alfa Romeo ist es nicht abzustreiten, dass die Emotion vor der Funktion kommt und ich finde das herrlich. Gemeine Menschen würden jetzt spitzzüngig bemerken, dass die Funktion noch nie die Stärke der Marke Alfa Romeo war. Und weil wir gerade so schön in der Klischeekiste wühlen, diese Meinung vertreten vermutlich jene Leute, welche sich beim lokalen Italiener auch gerne mal eine Pizza Quattro Stazzioni und danach ein Strazziatel­laeis bestellen, um danach in ihren skandalträchtigen MQB aus Wolfsburg zu steigen und auf dem Nachhauseweg die Verbrauchsanzeige nicht aus den Augen lassen.

Auch wenn diese Klischees der mangelnden Qualität heute noch eine fundierte Grundlage hätten, sie wären mir persönlich so egal wie der der berühmte Sack Reis, der in China anscheinend immer wieder mal umfällt. Kaum ein Hersteller verstand es auch über die schwierigen Jahre hinweg, das Herz des Autofahrers alleine durch die Präsenz eines Scudettos, also dieses charakteristischen Kühlergrills, in erhöhte Alarmbereitschaft zu versetzen und jene Emotionen bereits im Stand zu wecken, welche so viele Modelle der Mitbewerber auch unter Volllast partout nicht auf den Schirm bringen.

Wo viele andere Konzerne im Zuge von Sparmassnahmen es leider so oft geschafft haben die Seele der Marke auch noch wegzusparen um damit die absolute Geschmacksneutralität zu erreichen, bei Alfa Romeo hielt man an der reifen, geschundenen Seele über all die Jahre hinweg mit Vehemenz fest. Und damit ist die Marke erfrischend traditionell und emotional. Beides, ohne den Anschein zu erwecken, dass man einfach aus Prinzip die Retrokeule schwingt um auch noch den verkapptesten Nostalgiker hinter seinem Kachelofen aus dem 16. Jahrhundert hervor­zuholen.

Auch der Motorsport ist und war immer ein fester Bestandteil der Firmengeschichte und man findet überall an jedem Modell Zeugen dieser über Generationen gepfleg­ten Leidenschaft, oftmals in Form eines vierblättrigen Kleeblattes. Und ich kann bestätigen, jedes Auto aus den Hallen von Alfa Romeo, welches dieses Kleeblatt auf der Karosse trägt, war und ist auch heute noch ein zuverlässiger Überbringer von Glück.

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Doch, wie ist das denn so heutzutage auf dem Markt, wo politische Korrektheit und das gepflegte Understatement Hand in Hand dorthin gehen, wo meiner bescheidenen Meinung nach der Pfeffer wachsen sollte? Was macht denn Alfa Romeo eigentlich heute so inmitten von Dieselskandalen, der ganzen CO2-Diskussion, E-Mobilität und dem Streben nach der besten Zeit auf dem Nürburgring? Nun ja, zumindest letzteres hat man in Turin dick auf dem Zettel stehen. Dort steht die Marke nämlich ziemlich weit oben. Mit einem SUV und mit der zurzet wohl am schöns­ten gezeichneten Limousine, der einzigen welche auch in sündigem Rot funktioniert und damit die Pupillen zuverlässig erweitert.

Man scheint bei Alfa Romeo im Gegensatz zum Wettbewerb, zumindest subjektiv be­trachtet, dem Thema Elektromobilität nicht sehr viel Beachtung zu schenken, jedenfalls nicht, wenn man in das aktuelle Fahrzeugs­ortiment schaut. Und auch damit gewinnt die Marke bei mir schon wieder eine Menge Sympathie. Man macht bei Alfa Romeo einfach nicht sofort jeden Trend mit, den die Industrie gerade selbstbewusst zum Massstab erkürt, aber vom Konsumenten unter Umständen dennoch verschmäht wird. Bei den Ingenieu­ren aus Turin setzt man weiterhin auf das, was die Marke ausmacht. Traditionen, Emotionen, Rennsport und eine gehörige Portion Ver­rücktheit, fernab von so mancher Konvention. Man schwört auf eine gehörige, doppelte Portion und nicht auf den grünen Salat, den andere gerade so haben. .

Giulia

Klangvolle Namen gehören de facto bei allen italienischen Herstellern zum guten Ton, nicht zuletzt ist dies der wohl schönsten und wohlklingendsten Sprache der Welt geschuldet, welche ich zu meiner Schande und meinem Bedauern nur rudimentär beherrsche. Alfa Romeo legt da traditionell gerne eine Schippe nach, wer seinen Volumenmodellen den klangvollen und ebenso geschichtsträchtigen Namen eines Alpenpasses „Stelvio“ oder eben, „Giulia“ aufs Heck klebt, der betritt dünnes Eis im Lande der Benzinsüchtigen. Nicht umsonst verpasst der eine oder andere seinem Lieblingsauto den Namen einer Frau, ich kenne und schätze einen Mann, der nennt sein grosses, schwarze
s, wütend klingendes Muscle Car «Paulette» und das andere, grosse rote Muscle Car «Pierette». Und er liebt diese beiden Autos innig und aufrichtig.

Im Spielzimmer

Also hatte auch ich irgendwo die Erwartung, dass wenn Alfa Romeo den Vorgänger als schlichter «159» bezeichnet hat, dass ein Auto Namens «Giulia» bereits in der Entwicklung eine Menge Liebhaber gefunden haben musste. Und was gibt es Besseres, als wenn schon die Ingenieure, Testfahrer, die ganze Familie mit Liebe an die Arbeit geht, um den Erwartungen aller alten und neuen Freunde der Marke gerecht zu werden? Giulia, das klingt für mich nach Temperament, nach Seele, nach potentiellen Schwierigkeiten, in welche man noch geraten könnte. Ich sollte nicht enttäuscht werden. Willkommen in Alfa Romeos hausigenem Spielzimmer.

Die Aneinanderreihung eines weniger glücklichen und eines glücklichen Zufalls hat mich dann hierhin geführt, in das Spielzimmer von Alfa Romeo, dem ziem­lich weitläufigen Testgelände in Balocco, nahe Mailand. Und da standen Sie nun, eines sonnigen und herbstlichen Morgens in der Lombardei; Giulias in allen Farben und in allen Motorisierungen. Flankiert von ebenso zahlreich vertretenen Stelvios, einer Menge engagierten Familienmitgliedern und der Sonne. Der Acht­jährige in meinem Kopf drehte wortwörtlich am Rad. Ich war tatsächlich in einem jener Spielzimmer angekommen, in welches ich schon so lange wollte. An einem Ort, wo die Regeln nicht von einer staatlich geführten Instanz bestimmt und bei Nichtbeachtung mit Strafe versehen wurden. Und, wo meine Spielkameraden trotz unterschiedlichen Nationalitäten dieselbe Sprache sprachen; Auto. Nicht zu vergessen, die Mama, sie hat sich wahrlich mütterlich um unser leibliches Wohl gesorgt. Was wäre die Welt nur ohne die italienische Küche? Sehr arm.

Mein letzter Besuch auf einer Rennstrecke war schon viel zu lange her. Aber trotz­dem fühlte ich mich in Balocco sofort wohl, es roch nach überstrapazierten Pirellis und in der Ferne konnte man immer wieder hören, wie der Drehzahlbegrenzer eines QV’s seinen Job tat. Was für ein wundervoller Ort, um Kind zu sein und das benzinversetzte Blut in Wallung zu bringen. Und es war offensichtlich, hier war ich unter meinesgleichen; verspielte Kinder mit einem Führerschein in der Tasche. Wo ist mein Helm?

Selbstverständlich wurden wir vorab nicht nur über den Verlauf der Strecke infor­miert, man gab uns auch noch so einiges mit was die technischen Feinheiten der Giulia und des Stelvio anbelangte. Ich möchte hier auch nicht unnötig langweilen, deswegen; die Autos sind clever. Sehr clever. Da guckt der Wettbewerb an so manchen Stellen in die (Kardan)Röhre, welche vorzugsweise aus Carbon gefertigt wird und die Hinterachse antreibt. Endlich sind auch bei Alfa Romeo wieder die Hinterräder part of the game und die Marke spielt damit wieder dort mit, wo sich die letzten Jahre AMG und die M GmbH den Markt der viertürigen Sportlimousi­nen zumindest subjektiv geteilt haben.




Natürlich war es offensichtlich, sämtli­che Probanden dieses wundervollen Anlasses hätten sich augenblicklich auf die Ausführungen mit den vier Endroh­ren und dem vierblättrigen Kleeblatt gestürzt, wäre denn die Exemplare der Quadrifoglio Verde unbegrenzt ver­fügbar gewesen. Man kam also nicht umher, auch mal die Dieselversionen oder die eher zahmen Benziner mit vier Zylindern um den Track zu scheuchen. Und auch ich hatte etwas die Nase ge­rümpft, musste ich den ersten Turn des Tages in einem drehzahlmüden Diesel absolvieren. Im Nachhinein war das aber nicht mal so verkehrt, auf einem unbekannten Spielplatz sollte man nicht gleich mit dem gefährlichsten Gerät die ersten Runden drehen. Trotzdem aber, hier bleibt mein Vorurteil bestehen, ein Diesel funktioniert auf der Rennstrecke einfach nicht. Es fehlt an der Drehfreude des Triebwerks und damit an den akus­tischen Emotionen, welche den Spass­faktor nicht unerheblich unterstützen. Basta.

Die QV

Mein letzter Ritt auf dem Track mit einem potenten Auto war wie gesagt, leider schon ein paar Jahre her, deswegen dachte ich mir, ich lass’ die QV noch im «D(ynamic)-Modus», also im sichersten Setting, wo mich letzte elektronische Instanz des Autos davon abhält, die blaue Giulia un­kontrolliert in die Landschaft von Balocco zu parken. Und irgendwie machte sich bei mir im ersten Moment etwas Enttäuschung breit. Darüber, dass das Ansprechverhalten des Motors für seine 510PS und 600Nm nicht so brachial war wie erwartet. Dafür, dass sich das alles ein wenig anfühlt wie in dünne Watte gepackt. Aber hey, das ist Jammern auf hohem Niveau. Denn…




Ihre Wut

Nach etwas Eingewöhnungszeit entschliesst sich der Instruktor auf dem Beifahrersitz, Daniele, den Fahrmodusschalter doch mal auf «Race» zu stellen, alle Helferlein aus, ich war bereit für die volle Ladung der QV. Und jetzt schiessen die Emotionen in mein Gesicht, naja, wie aus der Pistole geschossen halt. Jetzt zeigt die Giulia ihr wahres Temperament und es besteht kein Zweifel, sie ist wütend, laut und sehr gewaltbereit. Das Triebwerk entfaltet seine Leistung nun un­mittelbar und quasi analog zur Schwere meines rechten Fusses, beglei­tet von einem basslastigen Stakkato, welches der V6 in die Atmosphäre hinausbrüllt. Die vorher schon angenehm kommunikative Lenkung wird noch einen Zacken härter und trotzdem, dass die Italienerin jetzt auf Krawall gebürstet ist, bin ich voller Zuversicht, dass ich das Auto nicht im Kiesbett oder im angrenzenden Wald kaltverformen werde. Die Be­schleunigung ist ja definitiv nicht das Problem bei der Leistungsabgabe des V6 Biturbo, aber die Keramikbremse ist ein absolutes Gedicht, eine Sinfonie der Negativbeschleunigung. Auch wenn man nach der langen Geraden irgendwo bei ca. 250km/h voll in das teure italienische Porzel­lan tritt und dann mit immer noch rund 200km/h und unter Abruf der vollen Bremsleistung durch die leichte Schikane zirkelt, das Auto bleibt die Ruhe selbst und strahlt eine ungeheure Zuversicht aus. So beein­druckend wie dieser Motor seine Leistungsentfaltung kredenzt, hier machen Vollbremsungen auf eine Kurve zu tatsächlich genau so viel Spass. Die Getriebeabstufung passt wunderbar zu der Leistungskurve dieses aufgeladenen Sechszylinders und egal ob man die Sortierung der Fahrstufen der flotten Automatik überlässt oder ob man sich mittels der filigranen Schaltpaddels aus Aluminium selber durch die acht Gänge wühlen will, es fühlt sich alles absolut stimmig an.



Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man mit der QV schnell ist. Auch nach kurzer Eingewöhnungszeit lässt das Auto eine ange­nehme Vertrautheit aufkommen und kommuniziert mit dem Fahrer offen und ehrlich. Man ist immer im Gewissen, wie die Traktions­verhältnisse jedes einzelnen Rades sind und damit kommt man mit der Giulia schnell ins Reine, sie lädt zum Tanzen ein, zum Swing, und es ist nicht von der Hand zu weisen, wer mit der wütenden Italienerin den Tanz zu heftig praktiziert, wird für den Übermut von ihr auch bestraft. Sie mag tendenziell gutmütig sein, wer sie aber zu hart anpackt wird feststellen, dass sie zwar offen mit dem Fahrer kommuniziert, aber Fehler hart und ohne zweite Warnung quittiert.

In Summe wird die Giulia QV auf dem Track zu jener besten Freundin, mit der man gerne noch einen Schritt weiter gehen würde, um dann festzustellen, dass man dann eben plötzlich in Schwierigkeiten ist. Sie verführt langsam, aber stetig zu der einen oder anderen Schandtat. Und es fällt wirklich schwer, dieser Verführung zu widerstehen. Jedoch, was wäre das Leben ohne Verführung, den Schritt Zuviel, der Entscheidung aus dem Herzen heraus und damit das, was man eigentlich Leben nennt? Es wäre ein Leben ohne Giulias, was wiederum sehr langweilig wäre. 

SUV arrabiata

Ich bin ehrlich gesagt kein Fan von hochmotorisierten SUV’s auf Designersteroiden. Mir erschliesst sich der Sinn nicht wenn es darum geht, zwei völlig verschiedene Fahrzeugkonzepte, also den Gelände­wagen und den Sportwagen, mit aller Gewalt zu verheiraten und das Kind dieser Eltern dann eben nur von seinen Eltern geliebt werden kann. Ein Fahrzeug mit 20cm Bodenfreiheit ist schon physikalisch gesehen ungeeignet für die Rennstrecke, hoher Schwerpunkt, weite Federwege, viele schwere ungefederte Massen. So zumindest lau­tet(e) mein Portfolio an gefestigten Vorurteilen, bis ca. 13:30 Uhr an diesem sonnigen Herbsttag in Balocco. Dann bin ich in den Stelvio QV gestiegen, in der festen Überzeugung, der hübsche Designerschrank ist auf dem Track irgendwie deplatziert. Doch, ich musste zumindest einen Teil meiner Klischees über Bord werfen, wo sie dann vermutlich von einer nachfolgenden Giulia unter Gebrüll überfahren wurden. Ich war wirklich positiv überrascht, wieviel von dem Charakter der Giulia im Stelvio steckt. Dieselbe Akustik, dieselbe kurz übersetzte, wenn auch nicht ganz so responsive Lenkung, fast derselbe ungestüme Vorwärtsdrang und vor allem, vor allem diese unerschütterliche Bremse. In Summe liess mich dies schnell vergessen, dass ich ei­gentlich in einem Auto sitze, welches mehr Bodenfreiheit hat als mein Couchtisch zu Hause. Der Stelvio QV glänzt dank Allradantrieb auch durch eine Bombentraktion. Als mich zurück in der Box mal kurz ein anderer, ebenso leicht verschwitzter Kollege darauf hingewiesen hat, dass ich auf der Strecke aus einer S-Kurve raus über eine Bo­denwelle mal kurz ein, zwei Räder in der Luft hatte, ich konnte mich nicht erinnern, dass ich sowas wie einen Traktionsverlust bemerkt hatte. Das Torque-Vectoring von Alfa Romeo scheint seinen Job so gut zu machen, dass man davon nichts mitkriegt. Man könnte jetzt auch sagen, dass man den Stelvio dermassen zu Tode gedämpft hat, dass man nichts mehr von der Fahrdynamik mitkriegt. Das kann ich allerdings so nicht bestätigen, das Auto ist wesentlich emotionaler abgestimmt als es so mancher überpotenter Hatchback der Mitbe­werber ist. Überhaupt, der Stelvio QV treibt seinen Insassen durchaus den einen oder anderen Glücksmoment in die Mundwinkel. Damit habe ich nicht gerechnet. Schande über mein Haupt, der Stelvio QV trägt tatsächlich denselben, verrückten Humor der Familie in sich, auch wenn ihm die verführerischen und etwas verruchten Ambitio­nen seiner schönen Schwester fehlen.




Nach den Tänzen mit den QVs dachte ich eigentlich, ich habe alles gesehen und gefahren, was ich sehen und fahren wollte. Ein letzter Turn sollte aber noch sein, die Liste unserer char­manten Betreuerin verriet, dass ich die Giulia in der Veloce Version mit 280 PS noch nicht gefahren war. Ich solle doch noch ein paar Runden damit drehen. Ich dachte mir noch, das wird jetzt sicherlich auch keine grosse Überraschung mehr sein, aber besser als über den Track dieseln wird’s sicher…

Veloce

Der aufgeladene Benziner-Vierzylinder mag sicherlich nicht das Temperament und diese angenehme Verdorbenheit der QVs haben, jedoch wird auch die Veloce dem Ruf der Familie gerecht und geizt nicht mit Emotionen. Die weniger potent motorisierte Version mag zwar auf der Geraden nicht diese aberwitzigen Zahlen auf dem Tacho rauf- und wieder runterzählen. Jedoch scheint, dass die «kleine» Giulia etwas leichtfüssiger ist, etwas weniger kopflastig und damit noch leichter schnell zu fahren wie die QV. Trotzdem dass auf die QV 230 furiose italienische Pferde fehlen keimt der Wunsch nach mehr Leistung gar nicht auf. Die Veloce tänzelt ebenso gerne, bremst ebenso zuversichtlich und hat dieselbe Stabilität in Kurven und Schikanen. Auch etwas gar überambitionierte Lastwechsel hinterlassen bei der Veloce keine Unruhe und mangelnde Trak­tion scheint sowieso kein Thema zu sein. Damit war für mich die Veloce tatsächlich die Überraschung des Tages, ein Alfa, welchen ich noch so gerne etwas länger auf dem Track bewegt hätte, wäre dann nicht noch ein letzter Punkt auf der Tagesagenda gestanden...


Instabil

Der Drift, also das Querfahren mittels Leistungsübersteuern, gehört für mich zum unterhaltsamsten aller Fahrzustände. Vielleicht darum, weil es zeitentechnisch wenig bis gar keinen Sinn, dafür aber umso mehr Fahrspass bereitet. Zu hören, wie die Pirellis langsam, aber lautstark zur Hölle fahren, zu fühlen wie die Querbeschleunigung die Grenze der Traktion überschreitet. Und dann nur mit dem rechten Fuss diesen Fahrzustand zu halten, das ist automobile Comedia pur. Dass dabei der V6 der Giulia QV nicht unerhört, sondern zweifelsfrei sehr gut hörbar seine Freude über seinen Betriebszustand nahe dem Drehzahlbegrenzer in die Landschaft rausschreit, knallt, rotzt und röchelt, diese unverwechselbare Akustik wird mir als Soundtrack dieses Tages in Erinnerung bleiben. Und, es blieb nicht bei den Drifts mit der heckgetriebenen Giulia. Auch der Stelvio hat bewiesen, dass ein Leistungsdrift nicht nur mit einer tiefliegenden, heckangetriebe­nen Limousine Spass macht. Tatsächlich liess sich auch das wuchtige SUV aus Turin dazu bewegen, den Hintern rauszuhängen und po­litisch völlig unkorrekt die Reifen an allen vier Ecken relativ gleich­mässig runterzuradieren. Auch wenn es beim Stelvio etwas mehr Überzeugung gebraucht hat, um unter Lenkeinschlag das Pedal in den Teppich zu treten, der grosse Bruder der Giulia kann seine Blutsverwandtschaft zu der hübschen Schwester nicht verleugnen. Die Abstimmung des Allradantriebes ist zweifelsfrei hecklastig und damit unfassbar unterhaltsam, wenn es darum geht Schabernack auf losem, nassem oder verschneitem Untergrund zu treiben. Man mag sich jetzt fragen, warum soll man mit einem so grossen und schweren SUV überhaupt querfahren wollen? Die Antwort ist einfach; weil er’s kann.

Der Heimweg in meinem in Watte gepackten Langstreckenbenz war geprägt von Kopfkino und der Unterhaltung mit Emanuel über die Essenz dieses Events. Geprägt von der Frage an mich selbst, wie ich diese zwei unterhaltsamen Tage angemessen in Worte kleiden soll, ohne gleich ein Buch darüber zu schreiben (ist mir auch fast gelung­nen). Geholfen hat dann auch, dass ich zwischen den Turns dutzende­Bilder geschossen hatte, welche auf eine Sortierung warteten.




Etwas, was ich tatsächlich sehr gerne mache um dann ein abschliessendes Bild über das Produkt, die Marke und vor allem, den emotionalen Part zu erstellen. Im Resümee bleibt die Erkenntnis, dass Alfa Romeo nicht nur wieder zurück im Markt ist und endlich wieder Autos mit konkur­renzfähiger Fahrdynamik baut, sondern dass es mir eine persönliche Freude ist festzustellen, dass man der Tradition gebührenden Tribut gezollt hat und immer noch die Familie ist, welche man immer schon war; Die Verrückten aus Turin mit den schönen Autos. Auch die Er­kenntnis, dass man nicht immer nach der absoluten, emotionslosen Perfektion streben soll wenn es um die Uhr geht, vor allem nicht dann, wenn man dafür seine Traditionen vernachlässigen muss. Für einen Espresso hat’s noch immer gereicht. Und, dass Balocco eine wahre Motorstadt ist, voll mit Leuten, welche für die Marke leben und dafür gerne die eine oder andere Extrameile gehen. Es war mir eine Ehre, Gast bei der Famiglia Alfa Romeo zu sein, grazie a tutti,

Che vediamo!

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